Unser Leitartikel:
Fußball-Kirmes in Camouflage
Im kommenden Monat beginnt in Frankreich die 15. Fußballeuropameisterschaft der Männer, mittlerweile offiziell »UEFA EURO« genannt. Erstmals werden nun 24 statt wie bisher 16 Mannschaften an der Endrunde teilnehmen. Extra für die Kriterien der UEFA wurden Stadien umgebaut, sowie, schon traditionell vor großen Turnieren, Neubauten in die Peripherie geklatscht. Diese Arenen ersetzen dann teils, wie etwa in Nizza, auch zukünftig alte Stadien in zentraler Lage, weshalb sich die Zuschauer an lange Anreisewege in Industriezonen gewöhnen dürfen, wo es nicht mal einen Absacker nach dem Match geben wird.
Der Fußball als Teil der innerstädtischen Kultur hat sowieso auf diesem Niveau ausgedient, und in Zeiten der Terrorangst ist das Fußballerlebnis, welches auf großen Turnieren ohnehin nur noch eine Art durchgestylte Kirmes der Nationen mit Klatschpappen und nationalfarbenen Bunny-Ohren oder Cowboyhüten darstellt, für den Alteingesessenen kaum noch zu ertragen. Fans werden höchstens noch als Konsumenten des Spektakels akzeptiert. Ein Trend, der sich von einem großen Turnier zum nächsten immer deutlicher zeigt. Für den freien Blick des Fernsehzuschauers auf die Werbung im Stadion wurden etwa bei der WM in Brasilien weitgereiste und altgediente Fanbanner abgerissen, und der Unmut darüber mit Knüppeln und Pfefferspray beantwortet. Der Ausnahmezustand dürfte aus Frankreich ein Fußballfest in Camouflage werden lassen, wo die Bürgerrechte der Terrorangst geopfert werden. Dies wird neben der Kommerzialisierung für weitere Einschränkungen sorgen, wenn es um die Ausdrucks- und Bewegungsfreiheit der Fans geht. Französische Supporter können derzeit im Liga-Alltag ein Lied davon singen.
Doch nicht nur auf großen Turnieren wird immer heftiger versucht, den letzten Groschen aus diesem Sport zu pressen: Die Neuvergabe der TV-Rechte in Deutschland steht an und neue Interessenten, wie etwa Amazon, wollen ein Stück vom Kuchen. So könnte es dazu kommen, daß, wer einen ganzen Spieltag live erleben möchte, bald zwei oder drei Decoder und Abonnements bezahlen muß. Mit denen sieht er dann, wie Konzerne immer mehr das Heft in die Hand nehmen. Ein Dietmar Hopp pumpte seinerzeit viel Geld in einen Dorfklub im Kraichgau, um diesen in die Bundesliga zu hieven. Martin Kind, Vorstandsvorsitzender von Hannover 96 und Hörgeräte-Mogul, will endlich mit seiner Investorengruppe die Mehrheit an der Profiabteilung übernehmen. Den Vogel schoß jedoch der österreichische Brausebaron Dietrich Mateschitz ab, welcher mit seinem Konzern mit dem roten Stier flugs mehrere Klubs mit dem Firmennamen aus der Taufe hob. Alle drei stehen im Übrigen überhaupt nicht auf innerbetriebliche Mitbestimmung. Während Red Bull Salzburg, das 2005 die alte Austria aufkaufte und deren Fans zum Teufel jagte, in Österreich Dauermeister wird, soll nun das neueste Franchise, RasenBallsport Leipzig, in der Bundesliga für Furore sorgen.
Der Fußball hat sich verändert. Korruption, Gier und zunehmende Repressionen gegen Fans sind Alltag geworden. Wenn am 10. Juni in Paris das Eröffnungsspiel der EM mit viel Klimbim über die Bühne geht und die Anzugträger am Hummerschwanz nagen, wird so mancher Fußballfreund wehmütig an die alten Tage denken, als es Eintrittskarten noch am Kassenhäuschen gab und echtes Bier in der Kurve, als dieser Sport noch ein Wochenenderlebnis war und nicht an 7 Tagen in der Woche bis zur totalen Beliebigkeit im TV. Dieses Ausquetschen bis zum letzten Euro wird irgendwann Konsequenzen haben.
Christoph Kühnemund
Christoph Kühnemund : Donnerstag 12. Mai 2016
