Unser Leitartikel:
Gipfel der Verlogenheit

Warum soll nicht auch die Katholische Kirche wieder mal einen Skandal haben? Es ist ja nun wirklich nicht so selten in der Geschichte, daß sich die oberen Herren dieser schwarzen Truppe völlig daneben benehmen. Ist auch eigentlich kein großes Problem, dann für solche Zwecke hat der Laden das Instrument der Beichte erfunden, der im Normalfall die Absolution folgt. Und die Herren Kardinäle, Bischöfe und wie sie alle heißen in ihren lustigen Kleidchen, haben auch riesengroße Besen, mit dem sie alles Unangenehme unter große Teppiche kehren können.

Als der Chef der Inquisition, der strengdeutsche Kardinal Ratzinger und »einfache Arbeiter im Weinberg des Herrn«, seinerzeit zum Papst »gewählt« wurde, und als die deutschen Zeitungen mit den großen Buchstaben jubelten »Wir sind Papst!«, war klar, daß handfeste politische Skandale ins Haus stehen würden. Immerhin hat der Mann, der einst ein stolzer Hitlerjunge war und sich niemals dafür öffentlich entschuldigt hat, auch eine besondere Beziehung zur faschistischen Diktatur.

Erst vor etwa anderthalb Jahren hatte sich Benedikt Ratzinger in einer Rede in seiner deutschen Heimat mit dem Islam angelegt. Später haben Leute in seiner Umgebung das als »Faux pas« abgetan. Und jetzt hat der Pontifex ein paar Männer in den Schoß der heiligen Mutter Kirche zurückgeholt, die selbst abgebrühten Katholiken peinlich sind. Darunter befinden sich vier »Bischöfe« der traditionalistischen Priestergemeinschaft St. Pius X., deren Exkommunikation der Papst aufgehoben hat.

Nun regt sich ein Wind der »Empörung« um fast den halben Erdball ob dieser erneuten Fehlentscheidung des Unfehlbaren. Einer der Herren, ein gewisser Richard Williamson, hatte in einem Interview behauptet, es gebe Beweismaterial, daß kein einziger Mensch während des »Dritten Reichs« vergast worden sei. Der Vatikan erklärte gestern, der Papst habe von den Ansichten Williamsons »nichts gewußt«, als er der Aufhebung von dessen Exkommunikation zugestimmt habe. Der Vatikan verlangt nun von Williamson eine »unmißverständliche Distanzierung« von dessen Positionen zum Völkermord an den Juden, bevor er wieder voll in die Kirche aufgenommen werden könne, hieß es in einer gestern verbreiteten Meldung.

Daß es der Herr Ratzinger mit der historischen Wahrheit nicht so genau nimmt, war bekannt. Daß er, der jahrzehntelang Herrscher über die internen Akten des Vatikans war, »nichts gewußt« haben will, überführt ihn nicht nur der Lüge, sondern stellt ihn auf eine Stufe mit all den kleinen deutschen Faschisten und Mitläufern, die nach der Zerschlagung des Faschismus 1945 auch »nichts gewußt« haben…

Daß sich all die Kirchenfürsten an der Lüge Seiner Heiligkeit beteiligen, ist nicht wirklich überraschend. Auch in ihren verzweifelten und verwirrend formulierten Distanzierungsversuchen versinken sie im historischen Sumpf ihrer eigenen Kirche. »Im Zweiten Weltkrieg und bereits davor sind furchtbare Verbrechen am jüdischen Volk geschehen. Menschen sind bewußt verfolgt und umgebracht worden, weil sie jüdischen Glaubens waren«, ließ gestern der Erzbischof von Luxemburg in einer Presseerklärung verlauten. Hat Herr Fernand Franck wirklich noch nie davon gehört, daß all diese furchtbare Verbrechen von den Nazis mit Wissen der Kirche und zumeist mit dem Segen ihrer Priester verübt wurden?

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Donnerstag 5. Februar 2009