Unser Leitartikel:
Neuaufteilung der Welt
Pressemeldungen der letzten Tage und Wochen geben Anlaß zur Beunruhigung. Wer angenommen hatte, die USA und die NATO würden angesichts der hoffnungslosen militärischen Lage am Hindukusch ein realistisches Konzept für einen Rückzug entwickeln, sieht sich getäuscht. Zwar gibt es kaum einen einzigen Militärstrategen, der noch eine Chance auf eine militärische Lösung erkennt, aber dennoch wird in Afghanistan und in Pakistan weiter gebombt, werden immer wieder neue »Offensiven« der »Schutztruppe« gemeldet, wird über die Entsendung von mehreren zehntausend weiteren fremden Soldaten diskutiert.
Man muß nicht selbst nach Afghanistan reisen, um zu erkennen, daß sie Lage dort hoffnungslos festgefahren ist. Militärische Angriffe der Besatzer und ihrer einheimischen Hilfstruppen – das gilt auch für Pakistan – werden von den Aufständischen mit immer neuen Attentaten oder Gegenangriffen beantwortet. Darauf folgt eine neue Angriffswelle, und so dreht sich die Spirale… Mit ein wenig Sarkasmus könnte man zu dem Schluß kommen, daß die ausländischen Militärs, die ja angeblich den »Wiederaufbau« organisieren sollen, so lange Bomben werfen, bis sie auf jedem Quadratmeter afghanischen Bodens mindestens ein Kraterloch zum Brunnenbauen finden.
Wer glaubt eigentlich noch ernsthaft daran, daß diese ganze Kriegsmaschinerie in Gang gesetzt wurde, um den armen unterdrückten Völkern am Hindukusch Freiheit und Demokratie zu bringen? Freiheit und Demokratie lassen sich nicht mit Kanonen importieren – im Gegenteil: Kanonen schränken Freiheit und Demokratie ein! Beweise dafür gibt es zuhauf. Allein die sogenannte Präsidentenwahl in Afghanistan zeigt, daß das alles nicht funktionieren kann. Da wird unter den Augen der westlichen Freiheitsbringer und Demokratiehüter gefälscht und betrogen was das Zeug hält, und dann wird auch noch die lächerliche Figur, die am gröbsten fälschen ließ, zum »Präsidenten« erklärt. Statt den Typ mit Schimpf und Schande aus dem Dorf zu jagen, gehen nun westliche Politiker mit kühn erhobenem Zeigefinger daher und fordern Karsai auf, die Korruption zu bekämpfen. Noch dümmer geht es wohl kaum noch.
Ähnliches hat sich im Irak abgespielt. Da hat man lieber nicht so genau nachzählen lassen, nachdem die Besatzer den Irakern ihr Wahlsystem aufgedrückt hatten. Der Witz der dortigen Lage besteht nun darin, daß jetzt, nachdem ein angeblich demokratisch gewähltes Parlament existiert, sich die Abgeordneten und Regierungsmitglieder über das neue Wahlgesetz streiten wie die Kesselflicker.
Und wurde dort im Irak nicht vor sechs Jahren die Demokratie eingeführt, die Unterdrückung einer religiösen Gruppe durch eine andere abgeschafft? Warum, so fragt sich ein nachdenklicher Beobachter, können dann die einen Iraker nicht ebenso in ihrem endlich befreiten Lande leben wie die anderen Iraker? Warum müssen irakische Flüchtlinge, die im Nachbarland Syrien Schutz vor dem Krieg gesucht hatten, in Luxemburg und in anderen EU-Ländern Asyl suchen, statt freudig in ihre Heimat zurückzukehren, wo doch nun Demokratie und Freiheit herrschen?
Da offenbar das Militär in den Konfliktherden im Nahen Osten und in Zentralasien die eigentlichen Probleme nicht lösen konnte, fragt man sich, warum es eigentlich dort ist. Geht es vielleicht um ganz andere Interessen? Werden dort Gebiete abgesteckt? Für wen?
Uli Brockmeyer
Uli Brockmeyer : Dienstag 17. November 2009
