Unser Leitartikel:
Flexibilisierung geht schon zu weit

Wer regelmäßigen Kontakt mit den Schaffenden hat, erfährt aus erster Hand, dass sich sowohl die Arbeitsbedingungen wie auch das Arbeitsklima in den letzten Jahren massiv verschlechtert haben. Der Wind, der den Beschäftigten und den Personalvertretern entgegen weht, hat an Kälte deutlich zugenommen. Gemessen an der Arroganz und der Rücksichtslosigkeit, mit denen das Patronat gegen die Beschäftigten vorgeht, glaubt man das Rad der Geschichte um Jahrzehnte zurückgedreht. Immer häufiger hört man davon, dass Beschäftigte eingeschüchtert und erpresst werden, um Arbeitsbedingungen in Kauf zu nehmen, die in vielerlei Hinsichten sowohl dem Arbeitsrecht wie auch den Sicherheitsvorkehrungen trotzen. Die vielen Verschlechterungen, die den Schaffenden zunehmend aufgezwungen werden, sind vielfältig. Sie reichen von einer ständig wachsenden Deregulierung der Arbeitszeitorganisation, überzogenen Arbeitszeiten, gestrichenen Urlaubs- und Ruhetagen, vorenthaltenen Prämien, Verwarnungen (die immer häufiger an Lohneinbußen gebunden sind), gewachsenem Druck, Hetze und Mobbing. Diese vielen Verschlechterungen gehören inzwischen fast genauso zum Alltag wie zunehmende Verstöße gegen die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz.

Die den Arbeitern vom Patronat aufgezwungene Flexibilisierung hat die Grenze des Zumutbaren in so manchen Sektoren jedenfalls bereits deutlich überschritten. In vielen Firmen sind der 8-Stundentag, die 40-Stundenwoche oder Schichtpläne, die nicht ständig zum Leidwesen der Schaffenden abgeändert werden, jedenfalls nur mehr reine Theorie. wobei die geleistete Mehrarbeit immer seltener als Überstunden vergütet wird.

Den Unternehmern reicht die bereits bestehende Flexibilisierung der Arbeitsorganisation jedoch nicht aus, wie es ihr, von den Gewerkschaften ausgebremster Versuch, im Bausektor die legale Wochenarbeitszeit auf 52 Stunden auszuweiten, oder ihre jetzige Forderung nach einer allgemeinen Ausweitung der legalen Referenzperiode von einem auf vier Monate in aller Deutlichkeit zeigen. Aufgrund der zahlreichen, bereits bestehenden Derogationen ist auch die jetzt auf dem Tisch liegende Forderung strikt abzulehnen, zumal Ausnahmeregelungen, die stets im Interesse der Betriebe eingeführt wurden, immer wieder zu schlechteren Arbeitsbedingungen geführt haben.

Daran hat sich das Patronat seit jeher jedoch nicht gestört. Die Unternehmer geben den zu beschreitenden Weg an, und alle haben diesem zu folgen. Wer aufmuckt, dem wird offen mit dem Brotkorb gedroht. Mit dem Hinweis, dass aufgrund der vielen Arbeitsuchenden schnell für Ersatz gesorgt sein wird.

Wer sich dennoch wehrt, dem wird vorgerechnet, wie »schlecht« es ohne Deregulierung der Arbeitszeitorganisation und ohne Reduzierung der Lohnmasse um die Wettbewerbsfähigkeit des Betriebs gestellt sei. Dem muss in den Verhandlungen entgegengestellt werden, dass allen Erwerbstätigen unbedingt die Möglichkeit gegeben sein muss, Beruf, Familie und Freizeit unter einen Hut zu kriegen, und dass ihnen deshalb keine weiteren Verschlechterungen mehr zuzumuten sind.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Dienstag 12. April 2016