Unser Leitartikel:
Was geschieht mit dem »alten« Esch?
In den Generalversammlungen des Escher Geschäftsverbandes ist es in den letzten Jahren schon zur Tradition geworden, sich über die Zustände im »alten« Escher Zentrum zu beklagen. So war es auch in diesem Jahr wieder, als die Geschäftsleute vor kurzem in jener Versammlung des Jahres 2016 mehr Attraktivität für das Zentrum forderten und erklärten, den deutlichen Kaufkraftverlust der Menschen durch weniger volle Einkaufsstraßen und Läden zu spüren.
Zu den Sorgen um des Bürgers Portemonnaie gesellte sich allerdings auch eine Angst um das Sicherheitsgefühl der Kunden. Eine Sorge, die in den letzten Jahren spürbar an Begründung gewonnen hat, denn während alle Augen nur noch auf die Trabantenstadt Belval und ihre Entwicklung gerichtet scheinen, bekommt man bei einem Gang durch die Straßen im Brill geradezu Depressionen. Mancherorts nicht in Hundedreck zu treten, besonders, wenn es bereits dunkel ist, grenzt an eine Lotterie, eine rue Dicks läßt sich dem eigenen Vehikel zuliebe nur noch im Schritt-Tempo durchfahren und die umständliche Verkehrssituation an sich tut ihr Übriges zum Gesamtgefühl, daß man um das »alte« Escher Zentrum lieber einen Bogen machen möchte, was natürlich auch beim Gedanken an eine Einkaufstour mitspielt.
Nun sollen seitens der Gemeinde Anstrengungen unternommen worden sein, der schlechten Hygiene in den Straßen genauso zu Leibe zu rücken, wie dem schlechten Eindruck auf die Kundschaft. Viel zu sehen ist davon noch nicht so richtig, am leichtesten wohl bei den Preisen für das Brillplatz-Parkhaus. Nachdem der Gemeinderat im Januar vor sechs Jahren eine Verteuerung um 30 Prozent auf 1,30 Uhr beschlossen hatte, wurde nun offenbar erkannt, daß dieser Wucher äußerst besucherschädlich ist, »mobilité douce« hin oder her. Ohnehin standen die meisten Parkhäuser regelmäßig halbleer, das tolle P&R-Parkhaus in Belval gar fast komplett.
Nun darf also wieder »lediglich« 1 Euro pro Stunde am Brillplatz entrichtet werden, in der Hoffnung, daß die Massen wieder strömen. Noch 2010 beim Beschluß der Anhebung war verkündet worden, daß sich ein Preis von 1 Euro pro Stunde nicht mit den public-private-partnership-Verträgen vereinbaren ließen, da sonst die Profitzusagen an den Betreiber nicht erreicht werden könnten.
Was bis heute nicht nachzuvollziehen ist, bleibt das Fehlen eines brauchbaren Sammelparkplatzes in Zentrumsnähe. Hier macht etwa Düdelingen vor, wie es richtig geht. Die Berufstätigen, welche auch am Arbeitsplatz auf ihr Fahrzeug angewiesen sind, dürfen sich indes auch weiterhin auf viel Bewegung an der frischen Luft freuen, wenn sie trotz einer teuren Jahresvignette für die Parkplatzlotterie alle zwei Stunden ihren Arbeitsplatz verlassen müssen, um die zur Vignette gehörige Parkscheibe weiterzudrehen auf eine Abfahrtszeit, die eigentlich wieder nur eine Umdrehzeit ist. Auf die Frage, wer sich so eine Schizophrenie ausgedacht hat, gab es im Gespräch auf der Straße vor einiger Zeit von einem LSAP-Gemeinderatsmitglied die Antwort, man dürfe doch froh sein, daß man den Wagen nicht alle zwei Stunden umstellen müsse.
Auf der einen Seite wird in Belval ein steriles Vorzeigeprojekt aus dem Boden gestampft, während auf der anderen Seite ein Stadtzentrum quasi sich selbst überlassen wird, mit allen gesellschaftlichen Konsequenzen, was nicht zuletzt der Kunde in der Einkaufsstraße merkt. Ob der Glanz der neuen Studentenstadt auch die Alzettestraße erreicht, darf ohnehin bezweifelt werden.
Christoph Kühnemund
Christoph Kühnemund : Freitag 18. März 2016
