Unser Leitartikel:
Festival der Migrationen und Alltag

Fast 30.000 Besucher kamen am letzten Wochenende nach Kirchberg zum traditionellen »Festival des migrations, des cultures et de la citoyenneté«. Eine multikulturelle Veranstaltung, die, so sehen es jedenfalls die Organisatoren, dazu beitragen soll, bestehende Barrieren zwischen Luxemburgern und ausländischen Mitbürgern, die inzwischen immerhin fast 46 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, weiter abzubauen. Dies zumindest für die Dauer eines Wochenendes.

Denn der Alltag zeigt, dass es bis zur sozialen Gleichstellung, die von der Politik gepredigt und während des Festivals immer wieder schöngeredet wird, noch ein weiter Weg ist. Schwer zu überwindende Hürden stehen dabei nicht nur Ausländern aus Drittländern im Weg. Nein, auch vielen EU-Ausländern, die bereits in zweiter oder dritter Generation in Luxemburg leben und deren Eltern meist aus Wirtschaftsgründen nach Luxemburg gelockt wurden, ist die Integration bis heute nicht gelungen.

Ihre Benachteiligung ist vielfach und beginnt meistens schon im Kindesalter, wie es die verhältnismäßig geringe Zahl an ausländischen Jugendlichen zeigt, die ihr Studium in einem klassischen Lyzeum mit Erfolg abschließen.

Viele von ihnen werden somit regelrecht dazu gedrängt, ähnlich wie Mutter und Vater, später in Sektoren zu arbeiten, in denen die Arbeit mit die schwerste ist, der Verdienst zu den niedrigsten gehört. So ist es beileibe keinen Zufall, dass in den Sektoren Bau, Reinigungswesen Handel, Handwerk oder Horeca fast nur Ausländer beschäftigt sind. Alles Sektoren, in denen die Deregulierung der Arbeitszeiten am größten und die Arbeitsbedingungen zu den schlechtesten gehören. Es darf somit nicht überraschen, dass unter den Niedriglohnbezieher die Ausländer, ob sie nun in Luxemburg beheimatet sind oder aus dem Grenzgebiet kommen, deutlich überrepräsentiert sind. Wenn das keine soziale Benachteiligung ist.

Es stimmt allerdings, dass inzwischen auch so manchen Nicht-Luxemburgern das Erklettern der Wohlstandsleiter gelungen ist. Tatsache ist jedoch, dass es der übergroßen Mehrzahl, trotz großer Entbehrungen, bis dato verwehrt blieb, die Tür zur »Wohlstandsgesellschaft«, die ihnen oder ihren Eltern und Großeltern beim Verlassen ihres Heimatlandes vorgegaukelt wurde, aufzustoßen.

Am deutlichsten sticht dies in Wohnvierteln ins Auge, in denen überwiegend ausländische Mitbürger leben. Dort sind Arbeitslosigkeit, Wohnprobleme, Bildungsmisere und schlechte Lebensbedingungen nicht nur verhältnismäßig am meisten ausgeprägt, dort sind Armutsrisiko und soziale Ausgrenzung vielfach die Regel. Dies gilt es gemeinsam zu ändern.

Allein mit Folklore, Literatur und kulinarischen Spezialitäten, die auf dem Festival der Migrationen in Hülle und in Fülle angeboten werden, ist den vielen Problemen jedoch nicht beizukommen. Gemeinsam Feste feiern und andere Kulturen kennen lernen ist gut und sicher auch zu begrüßen und zu unterstützen. Dies reicht jedoch beileibe nicht aus, um ALLEN auch über die Tage des Festivals hinaus ein menschenwürdiges Nebeneinander zu garantieren.

Bis dahin trennt uns noch ein weiter Weg, der nur mit Lobesreden und leeren Versprechen nicht zu bewältigen sein wird.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Dienstag 15. März 2016