Willkommen im Krieg

Deutsche Kriegspropaganda zur besten Sendezeit

Kurz vor der Münchner Sicherheitskonferenz verstärkt Berlin die Inlandspropaganda zum Krieg in Afghanistan. Jüngstes PR-Element war der Spielfilm »Willkommen zu Hause«, der am Montag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (ARD) ausgestrahlt wurde. Erklärtes Ziel der Produktion ist es, für die Unterstützung deutscher Gewaltoperationen am Hindukusch zu werben, schreibt der Informationsdienst »German Foreign Policy«.

Die beteiligten Soldaten sollen vom Publikum als »Helden« wahrgenommen werden, die besondere Anerkennung und Zuneigung verdient haben. Wie Äußerungen führender deutscher Militärs erkennen lassen, leitet der Film zugleich in der Öffentlichkeit einen Paradigmenwechsel ein: Die Bevölkerung soll auf den Krieg und das Sterben deutscher Soldaten eingestimmt werden.

Helden

Im Zentrum des Films steht der fiktive Bundeswehrsoldat Ben Winter, der nach seiner Rückkehr aus Afghanistan aufgrund der dort erlebten Kriegsgräuel psychisch erkrankt. Tatsächlich ist die Zahl der deutschen Soldaten, die nach ihrem Einsatz am Hindukusch unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, enorm gestiegen. Wurden 2006 lediglich 55 PTBS-Fälle verzeichnet, wiesen in den Jahren 2007 und 2008 insgesamt 422 Soldaten Symptome einer schweren seelischen Erkrankung auf.

Der Film, nutzt diese Fakten, um das soziale und familiäre Umfeld der Soldaten aufzufordern, ihnen in psychischen Krisensituationen beizustehen und sie als »Helden« anzuerkennen. Die Militärs zeigten den afghanischen Aufständischen, »wo der Hammer hängt«, formuliert einer der Darsteller.

In bürgerlichen Medien wird der Film wohlwollend gewürdigt. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« fordert, deutsche Politiker müßten die »Zivilcourage« haben, sich offen zum »militärischen Engagement« Deutschlands zu bekennen; schließlich finde in Afghanistan kein »humanitärer Einsatz« statt, sondern ein »Krieg«. In Anspielung auf zahlreiche US-amerikanische Propagandastreifen, die die militärische Aggression der USA gegen Vietnam zum Inhalt haben, bezeichnet das Zentralorgan der deutschen Großbourgeoisie diese Produktion als »ersten deutschen Vietnam-Film«.

Hergestellt wurde das PR-Stück unter der Ägide des Südwestrundfunks (SWR), einer Sendeanstalt der öffentlich-rechtlichen ARD. Erst kürzlich war in der Sendung »ARD Exklusiv« außergewöhnlich positiv über die Kampfeinsätze der von Deutschland geführten »Schnellen Eingreiftruppe« (»Quick Reaction Force«) berichtet worden. Daß deutsche Soldaten, die vom Hindukusch zurückkehren, zunehmend an posttraumatischen Belastungsstörungen erkranken, fand auch Eingang in die ARD-Vorabendserie »Lindenstraße«.

Die Gesellschaft vorbereiten

Begeistert aufgenommen wurde der Film von deutschen Militärs. Oberstleutnant Ulrich Kirsch, der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, sprach dem Regisseur in mehreren Interviews seinen persönlichen Dank aus und forderte eine verbesserte medizinische und soziale Betreuung traumatisierter Soldaten. Über die Situation in Afghanistan sagte Kirsch: »Wir machen nicht humanitäre Hilfe. Das könnte das Technische Hilfswerk machen, wenn es denn darauf ankäme. Wir als Soldaten sind in Afghanistan, um Dinge gegebenenfalls mit Waffengewalt durchzusetzen«. Dem Oberstleutnant zufolge »muß es deutlich werden – und das ist zu lange schöngefärbt worden –, daß wir dort in einem Kampfeinsatz sind, daß Tod und Verwundung Teil der Einsätze geworden sind und daß wir in kriegerischen Handlungen sind.

Der Kommandeur der »Akademie für Information und Kommunikation« der Bundeswehr, Oberst Rainer Senger, hatte bereits 2005 erklärt, »die Gesellschaft in Deutschland« müsse darauf vorbereitet werden, daß deutsche Soldaten »in größerer Zahl sterben« und »andere Menschen töten«.

»Terrorwarnungen«

Die Aussagen deutscher Militärs, die darauf abzielen, die Kriegsbereitschaft der deutschen Bevölkerung zu fördern, korrespondieren mit aktuellen »Terrorwarnungen« deutscher Geheimdienste und Polizeibehörden. So erklärte vor kurzem der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, den deutschen Behörden sei ein »islamistisch-terroristisches Personenpotenzial in Deutschland im hohen dreistelligen Bereich« bekannt. Dieses plane Anschläge und bedrohe, wie der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, ergänzte, »Deutschland und deutsche Interessen im Ausland«. Die »Terrorwarnungen« helfen, den »Anti-Terror-Kampf« am Hindukusch zu legitimieren.

Der Wunsch nach einem Truppenabzug aus Afghanistan ist demoskopischen Erhebungen zufolge in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet. Die Medienoffensive, mit der Berlin ihm entgegenzuwirken sucht, hat mit »Willkommen zu Hause« eine neue Stufe erreicht.

Wer gab den Auftrag und das Geld?

Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK) hat den ARD-Film in scharfer Form kritisiert. »Der vielfachen Kritik an dem Kriegseinsatz, an der Besatzung oder an der absurden Logik, Terrorismus mit Krieg begegnen zu können, wird ebensowenig nachgegangen, wie Tausende Tote der NATO-Besatzung oder das Leben der afghanischen Bevölkerung nicht gezeigt werden« erklärte DFG-VK-Bundesgeschäftsführer Monty Schädel.

Der Film sei »einfach gestrickt« und bediene das »nicht stimmige Klischee des guten deutschen Soldaten; frei nach dem Motto: Ein deutscher Soldat, der doch nur Gutes wollte, zieht in die Welt hinaus, wird zum Opfer, muß so leiden, und keiner kann es verstehen!« Dieses seien die Geschichten, denen vergangenen Generationen bereits folgten und die das Handeln deutscher Soldaten in der ganzen Welt ausklammern. Noch heute seien Anhänger und Angehörige der faschistischen deutschen Wehrmacht überzeugt, daß sie nur Gutes, ihre Pflicht, getan hätten.
Der Film sei ein Propagandastück zur Rechtfertigung des Kriegs- und Besatzungseinsatzes der Bundeswehr in Afghanistan. Die DFG-VK konnte bisher noch nicht untersuchen, wie dieser Film zustande kam, wer ihn beauftragte sowie finanzierte und welche Rolle die Bundeswehr verdeckt oder offen dabei gespielt hat und wie er zur besten Sendezeit in der ARD präsentiert werden konnte. »Es würde uns aber nicht überraschen, wenn sich in der kommenden Zeit Verbindungen herausstellen, vergleichbar mit der Unterstützung des US-Kriegsministeriums für die amerikanische Filmindustrie, die eine Verwicklung der Bundeswehr deutlich werden lassen«, so Schädel.

Donnerstag 5. Februar 2009