Kirchenfürsten trafen sich in Kuba

Franziskus und Kyrill beklagen »wachsende Ungleichheit in der Verteilung der irdischen Güter«

»Die Oberhäupter der christlichen Kirchen sind ausgerechnet zu den Kommuni­sten gekommen, um nach fast 1.000 Jahren endlich miteinander zu sprechen. Das zeigt die neue Rolle Kubas in der Welt«, sagte Pater Michael Lapsley aus Südafrika am Samstag auf einer Veranstaltung des kubanischen Instituts für Völkerfreundschaft in Havanna. In einem Protokollsaal des Flughafens der kubanischen Hauptstadt hatten Papst Franziskus und Patriarch Kyrill am Freitag in Anwesenheit des kubanischen Präsidenten Raúl Castro, der an den Vorbereitungen des Treffens maßgeblich beteiligt war, die Eiszeit zwischen der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche beendet.

Vor seinem Weiterflug nach Mexiko äußerte sich der Chef des Vatikan dann ähnlich wie der Pater aus Kapstadt. »Ich möchte nicht gehen, ohne dem großartigen kubanischen Volk und seinem hier anwesenden Präsidenten meine Anerkennung auszusprechen. Wenn es so weitergeht, wird Kuba die Hauptstadt der Einheit werden«, sagte Franziskus.

Wie in Berichten über Kuba mittlerweile üblich, wurde auch das Treffen der Kirchenoberhäupter in Havanna von Medien in aller Welt als »hi­storisch« bezeichnet. Diesmal sicher zu Recht. Nach der Spaltung im Jahr 1054 hatte zwischen Katholiken und Orthodoxen zehn Jahrhunderte lang Sprachlosigkeit geherrscht. Seit rund 20 Jahren gab es zwar immer wieder Pläne für eine Zusammenkunft, wirklich begonnen hat die von den Anhängern beider Kirchen erhoffte Versöhnung nun aber erst in Kuba. Angesichts von Krieg und Terror in der Welt unterstrichen die Kirchenoberhäupter dort ihre Gemeinsamkeiten.

In einer 30 Punkte umfassenden Erklärung, die von kubanischen Medien im vollen Wortlaut veröffentlicht wurde, forderten Franziskus und Kyrill unter anderem ein Ende der Christenverfolgung und des Blutvergießens in der Welt. Mit Blick auf die dramatische Lage in Syrien und im Irak riefen sie die Staaten auf, »sich zu vereinen, um der Gewalt und dem Terrorismus ein Ende zu setzen«. Die Flüchtlinge müßten in ihre Häuser zurückkehren können. »Unser Blick richtet sich auf die Menschen, die sich in großer Schwierigkeit befinden, die unter Bedingungen extremer Bedürftigkeit und Armut leben, während der materielle Reichtum der Menschheit zunimmt«, heißt es in der von Vertretern beider Kirchen in langen Verhandlungen vereinbarten Erklärung.

Und weiter: »Die wachsende Ungleichheit in der Verteilung der irdischen Güter erhöht den Eindruck von Ungerechtigkeit im Hinblick auf das sich ausgebildete System der internationalen Beziehungen.« Zudem prangerten die Kirchenoberhäupter den »zügellosen Konsum« an, »wie man ihn in einigen der am meisten entwickelten Länder antrifft« und der die Ressourcen des Planeten aufzubrauchen beginne.

In dem Dokument wird Kuba als »Kreuzungspunkt von Nord und Süd sowie von Ost und West« bezeichnet sowie als »Symbol der Hoffnungen der ‚Neuen Welt’ und der dramatischen Ereignisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts«. Während Franziskus, nach der mehrtägigen Visite im September letzten Jahres, die Insel erneut besuchte, betonte Kyrill, daß er auf Einladung Raúl Castros zu einem Freundschaftsbesuch und bereits zum vierten Mal nach Kuba gekommen sei. Der Patriarch, der gute Kontakt zum russischen Präsidenten Wladimir Putin unterhält, hob hervor, daß »die Völker Rußlands und Kubas seit vielen Jahren durch enge Bande der Zusammenarbeit und Freundschaft vereint sind«. Präsident Castro dankte Kyrill vor allem dafür, daß dieser die noch immer von den USA gegen Kuba aufrecht erhaltene Blockade verurteilt und versprach nach dem Treffen: »Kuba wird auch weiterhin den Frieden zu unterstützen. Jetzt steht die Angelegenheit von Kolumbien an.«

Raúl Castro hat dem Patriarchen Kyrill den José-Martí-Orden verliehen, die höchste Auszeichnung der sozialistischen Karibikinsel. Er wolle damit den Beitrag Kyrills zur Stärkung der kubanisch-russischen Beziehungen anerkennen, sagte der Präsident am Samstag (Ortszeit) bei der Zeremonie im Palast der Revolution in Havanna.

Der Papst reiste nach dem historischen Treffen in Havanna nach Mexiko-Stadt weiter, wo er am Flughafen von Präsident Enrique Peña Nieto und dessen Frau Angélica Rivera begrüßt wurde. Bei seiner ersten Fahrt durch die Stadt mit dem Papamobil wurde der Pontifex dort von Tausenden Schaulustigen gefeiert. Mexiko sei ein Volk mit Zukunft, da mehr als die Hälfte der Bevölkerung im jugendlichen Alter sei, sagte Franziskus höflich bei seiner ersten Ansprache. Er warnte dann jedoch davor, die Zukunft der jungen Mexikaner durch »verantwortungsloses Handeln« aufs Spiel zu setzen. Immer wenn Menschen nach »einem Weg der Privilegien oder Vorteile für einige Wenige und zum Schaden des Wohls aller« suchten, schaffe das »fruchtbaren Boden« für Korruption, Rauschgifthandel und Gewalt, »einschließlich des Menschenhandels, von Entführungen und des Todes«. Ein solcher Weg, sagte Franziskus, verursache »Leid und bremst die Entwicklung«.

Nach Brasilien ist Mexiko das Land mit den meisten Katholiken weltweit. Mehr als 80 Prozent der rund 120 Millionen Mexikaner bekennen sich zum Katholizismus. Im Gegensatz zu Kuba gilt Mexiko aber auch als ein Land, das durch Drogenhandel, Menschenhandel, Bandenkriege auf der einen Seite und die Machtlosigkeit des Staates auf der anderen gekennzeichnet ist.

Volker Hermsdorf, Havanna

Montag 15. Februar 2016