Echte Kapitalisten

Mit fast jedem Einkauf machen wir sie reicher: Calgon, Clerasil, Bally, Jacobs, Douwe-Egberts oder Durex – eine Oligarchenfamilie verdient stets daran

Die Reimanns sind echte Kapitalisten. Und sie sind reich, sehr reich. Es geht hier um eine in der Öffentlichkeit kaum bekannte Familie, die immer dann noch wohlhabender wird, wenn wir konsumieren. Erst dann hat sich das Wirken der Dynastie und von deren 12.000 Arbeitern gelohnt. Für sie.

2014 konnten sich die Reimanns so fast eine Milliarde Euro aufs Konto legen. Das Gesamtvermögen der Sippe wird auf 18 bis 20 Milliarden Euro geschätzt. In der Liga der deutschen Milliardäre rangieren die Reimanns seit einigen Jahren unter den obersten zehn, noch vor so viel bekannteren Familien wie Bosch, Flick oder Oetker. Unter den Dividendenkönigen, also gemessen am ausbezahlten Gewinn, lagen sie 2014 auf Platz neun, übertroffen nur von solchen Profiterntegemeinschaften wie den Quandts/Kladdens (BMW, Altana etc.), den Porsches und Piëchs (Volkswagen) oder den Schaefflers (Schaeffler, Continental).

Der Reimann-Clan leistet sich zudem einen Topmanager, der mit 100 Millionen Euro Einnahmen pro Jahr selbst den inzwischen gefeuerten VW-Vorstandschef Martin Winterkorn (16 Millionen Euro) vor Neid erblassen läßt. Allerdings müssen die Familienmitglieder aus der Umgebung von Mannheim und Heidelberg durch vier teilen, was deren Leben nicht einfacher machen dürfte. Hinzu kommen die zehn Kinder und Kindeskinder, die Stiftungen – und was da sonst noch alles am Tropf hängen mag, Oligarchenstreß sozusagen.

Konzernbildung auf deutsch

Die Profitmaschine der Reimanns heißt JAB Holding Company. Sie bündelt die Beteiligungen der Familie. Das Kürzel steht für Johann Adam Benckiser, den Firmengründer 1823. Damals ist der Laden noch klein, man stellt Salmiak in Pforzheim her. 1828 kommt Ludwig Reimann dazu, er heiratet die Tochter Benckisers, die dann das Erbe antritt. Seit 1858 ist die Firma Benckiser in Ludwigshafen ansässig und produziert dort Phosphate. Der Erste Weltkrieg bringt auch für Benckiser Profit. Aus der Nazizeit erfährt man nur, daß Albert Reimann von 1937 bis 1941 Vorsitzender der Industrie- und Handelskammer Pfalz war, und schließlich, daß die Firma in den Zwangsarbeiterfonds eingezahlt habe. Daß es sich bei ihrem Wirken um keine Provinzveranstaltung gehandelt haben dürfte, wird erst deutlich, wenn man bei Ludwigshafen den dortigen Platzhirsch BASF-IG Farben mitdenkt.

Die bedeutsamen Unternehmen aus der Rhein-Neckar-Region wie Freudenberg, Boehringer oder Pegulan muß man in diesem Zusammenhang ebenfalls im Blick haben. In dieser Suppe schwimmt auch Albert Reimann nach dem verlorenen Weltkrieg bald wieder obenauf. Mit den Markenprodukten Calgon, Sagrotan und Kukident geht es in den 60er Jahren steil aufwärts. Richtig Fahrt nimmt das Familienunternehmen 1992/93 mit der Übernahme von Coty/New York (Parfüm) auf, das immerhin von einem Riesen wie Pfizer erworben wird.
Die notwendigen 440 Millionen US-Dollar kommen nicht zuletzt aus der erfolgreichen Marktausweitung nach Osten, die seit der Einverleibung der DDR ermöglicht wurde. Es folgt eine Übernahme nach der anderen, »begleitet vor allem von der Deutschen Bank, aber auch von dem US-amerikanischen Finanzriesen Morgan Stanley und anderen. Insgesamt werden 25 Firmen in der BRD, in den USA, in Spanien, Italien und Großbritannien aufgekauft, der Umsatz um das Zehnfache gesteigert. 2012 scheitert erstmals ein solcher Coup in den USA, als man sich Avon einverleiben will. Allerdings nicht, weil die Reimanns den Preis von schlappen zehn Milliarden nicht berappen können, sondern weil die Eigner von Avon die Attacke abwehren.

Jetzt geht’s um Kaffee

Seit 2012 rollt die Sippe den Kaffeemarkt auf. Für eine Milliarde Dollar ging die kalifornische Kaffeehauskette und Rösterei Peet’s Coffee & Tea und für 340 Millionen Dollar die Kette Caribou Coffee Company über den Monopoly-Tisch und wanderten ins Reimann-Portefeuille. 2013 kam der niederländische Kaffee-, Tee- und Tabakanbieter D.E Master Blenders 1753 (Marken u.a. Douwe Egberts, Pickwick) hinzu. Aktuell soll für rund 12,8 Milliarden Euro der US-amerikanische Kaffeekapsel- und -maschinenhersteller Keurig Green Mountain eingesackt werden. Damit kommen die neuen Kaffeefür­sten an die Schweizer Marktführer Nestlé heran. Natürlich ist es so auch leichter, Preisabsprachen zu treffen – ein derartiges Kartell mit Henkel war 2011 aufgeflogen. Auch der Druck auf die Produzenten wird stärker. Die größten Kaffeepflanzer sitzen in Brasilien und Vietnam. Für die Bauern ist Monopolisierung bei ihren Abnehmern eine schlechte Nachricht.

Nicht zu vergessen: Die Reimanns und ihre obersten Manager sind auch so richtige Wohltäter – immerhin bestehen sie darauf, das nicht »Charity« zu nennen, wie diverse Neureiche, sondern »Social business«. Dahinter steht: Milde Gaben sollen dabei helfen, daß Produzenten und Konsumenten den Clan auch weiterhin ungestört seine Geschäfte betreiben lassen.

Auslagerungen – auch nach Luxemburg

Auch sonst wollen sie sich nicht in ihr Geschäft hineinreden lassen: Deswegen haben sie wegen der Erbschaftssteuerdiskussion in der BRD bereits 2007 den Sitz der JAB Holding ins Ausland (derzeit in Luxemburg) verlegt. Auch die wichtigste Konzerngesellschaft Reckitt Benckiser sitzt nicht etwa in Ludwigshafen, sondern in London. Hier werden eher Fabriken geschlossen, wie jüngst im badischen Ladenburg, und die Calgon-Produktion von dort nach Polen verlagert.

Richard Corell

Dienstag 12. Januar 2016