Frieden schaffen ohne Atomwaffen

Es ist immer noch eine der am besten gepflegten Lügen der bürgerlichen Geschichtsschreibung, daß die Abwürfe von Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki ein entscheidender Faktor für die kurz darauf erfolgte Kapitulation des japanischen Kaiserreiches und damit für das Ende des Zweiten Weltkrieges in Asien gewesen seien. Zwar hatten der Präsident der USA und seine Militärs ohne Zweifel den Willen, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden, was jedoch nicht ausschlaggebend war für die Entscheidung über den verbrecherischen Einsatz der neuen Massenvernichtungswaffen.

Es gehört leider nicht zum Allgemeinwissen – und das hat durchaus Methode –, daß sich die Sowjetunion verpflichtet hatte, als »Gegenleistung« für die Eröffnung der Zweiten Front in Europa durch die westlichen Alliierten auch in den Krieg in Asien einzugreifen, an dem sie bis dahin nicht beteiligt war. Stalin hatte sein Wort gegeben, und so steht es auch in den Protokollen der Konferenzen der »Großen Drei«, daß die Sowjetunion Japan den Krieg erklären werde, und zwar genau drei Monate nach Beendigung des Krieges in Europa. Die Kriegserklärung erfolgte dann auch in der Nacht zum 9. Mai 1945.

Es ist also ganz sicher kein Zufall, daß die Atombombe auf Hiroshima am 6. August abgeworfen wurde, und die auf Hiroshima am 9. August, dem Tag des Kriegsbeitritts der Sowjetunion. Es ist auch bekannt, daß weder Hiroshima noch Nagasaki wichtige strategische Ziele waren, es gab dort weder bedeutende Rüstungsindustrie noch Garnisonen der kaiserlichen Armee. Der Abwurf der Atombomben hatte in erster Linie sehr langfristige Ziele. Es ging den USA darum, eindeutig klarzustellen, wer aus ihrer Sicht nach dem Ende des Krieges die Oberhand haben sollte. Nicht umsonst wurde die Atombombe von den Politikern und Militärs der USA »the big stick« genannt, »der große Knüppel«. Und nicht umsonst hatte USA-Präsident Truman beschlossen, seinen Noch-Verbündeten Stalin ausgerechnet während der Potsdamer Konferenz zur Nachkriegsordnung über die Existenz der Atombombe zu unterrichten.

Dank einer Reihe wirklicher Verbündeter, darunter britische und deutsche Kommunisten, die in die technischen Arbeiten eingebunden waren, konnte die Sowjetunion den Rückstand bei der Atomtechnologie schnell aufholen und ein Gleichgewicht der atomaren Bedrohung herstellen – ein Gleichgewicht des Schreckens, das heute, 70 Jahre nach Hiroshima, noch immer besteht. Denn alle Bemühungen um atomare Abrüstung, die in den letzten Jahrzehnten niemals vom Westen ausgingen, blieben ohne Erfolg.

Inzwischen ist die Situation auf diesem Gebiet noch komplizierter, denn etliche weitere Staaten sind auch in den Besitz von Atomwaffen gelangt. Im Fall des Iran gab es erstmalig in der Geschichte eine gelungene Verhandlungsrunde zur Vermeidung des Baus von Atomwaffen. Welche Absichten der Iran wirklich verfolgt, wird dadurch deutlich, daß sein Außenminister vor wenigen Tagen die Einrichtung einer atomwaffenfreien Zone im Mittleren Osten vorgeschlagen hat.

Die Idee ist nicht neu. Ein ähnlicher Vorschlag des damaligen polnischen Außenministers Rapacki, der von allen sozialistischen Ländern unterstützt wurde, sollte schon in den 50er Jahren eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa herbeiführen – gescheitert ist das Projekt am Widerspruch der NATO und besonders der USA. Ähnliche Vorschläge für Asien werden durch Südkorea und die USA verhindert. Lediglich die Staaten Süd- und Mittelamerikas haben per Deklaration auf den Besitz von Atomwaffen verzichtet.

Wer wirklich Frieden schaffen will, sollte für eine Welt ohne die Atombombe eintreten – eine weltweite atomwaffenfreie Zone…

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Donnerstag 6. August 2015