Weltwirtschaft bricht ein

Japanische Indust-rieproduktion geht um 16 Prozent zurück. Weltweiter Seehandel in der Krise

Über die Feiertage schockierte die Meldung des Wirtschaftsministeriums in Tokio, daß die Indust-rieproduktion in Japan im November 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 16,2 Prozent gefallen ist, so stark wie noch nie. Durch die schnell gesunkene globale Nachfrage nach japanischen Konsumgütern war der Export in den letzten Mona-ten stark zurückgegangen.

Für den Dezember sagte das Ministerium einen weite-ren Produktionsrückgang um 8,0 Prozent im Vergleich zum Vormonat November voraus. Japanische Wirtschaftsexperten reagierten in der Landes-presse erschrocken: Die Produktion sei »im freien Fall« und würde »abwärts rauschen wie die Niagarafälle«. Das ginge alles »weit über alle Vorstellungen« der großen Exportkonzerne wie Toyota und Sony hinaus, die beide »jetzt keine Pläne für die Zu-kunft in der Tasche« mehr hätten.

Viele japanische Unter-nehmen bauen wegen des Exporteinbruchs massiv Ar-beitsplätze ab. Zugleich ist die sogenannte Kerninflation – die Teuerung ohne Berück-sichtigung der Energie- und Lebensmittelpreise – im No-vember auf 1,0 Prozent gefallen. Für Januar erwarten Experten sogar absolut fallende Preise, also erste Anzeichen einer Deflation.
Der weltweite Rückgang der Industrieproduktion wirkt sich verheerend auf den Seehandel aus. Derzeit liegen 20 Prozent der globalen Flotte von »Ca-pesize«-Frachtern – das sind Schiffe, die zu groß sind, den Suez- bzw. Pana-makanal zu passieren und ums Kap der Guten Hoffnung bzw. Kap Hoorn fahren müssen – untätig auf Reede. Die Nachfrage nach den Riesenschiffen, die vor allem dem Transport von Schüttgut wie Erzen, Düngemitteln etc. dienen, ist zusammengebrochen, insbe-sondere weil die globale Produktion von Eisen und Stahl in dieses Jahr um bis zu 30 Prozent zurück-gegangen ist.

Katastrophal hat sich das auf die Preise für den Seegüterverkehr, die so-genannten Frachtraten, ausgewirkt: Der Baltic Capesize Index, der weltweit wichtigste Frachtratenindex für die Superfrachter, ist von seinem Rekordhoch im Juni von knapp einer Vier-telmillion Dollar auf 2.316 Dollar Anfang Dezember eingebrochen – ein Preisverfall von 99 Prozent!

Derweil malte der Chef der spanischen Zentralbank, Miguel Angel Fernandez Or-doñez, in einem Interview mit der größten Tageszeitung des Landes, »El Pais«, die globalen wirtschaftlichen Aussichten schwarz in schwarz. Wie Experten des größten Finanzinstituts der Wall Street, Goldman Sachs, meint auch Ordoñez, daß die Finanzkrise längst noch nicht überstanden ist. Vielmehr sei die Welt mit einem »totalen« Finanzkol-laps konfrontiert, wie man ihn seit der Großen Depression ab 1929 nicht mehr gesehen habe.

»Der Vertrauensverlust ist total«, so Ordoñez, dem zufolge der wichtige »Inter-bankmarkt immer noch nicht funktioniert und bösartige Kreisläufe bildet, in denen Verbraucher nicht konsumie-ren, Unternehmen niemanden einstellen, Investoren nicht investieren und Banken keine Kredite vergeben.«

Obwohl die US-Konsumenten wegen der stark gefallenen Ölpreise derzeit jeden Tag eine Milliarde Dollar mehr in der Tasche haben als noch zur Jahresmitte, ist auch in den USA nach Jahrzehnten ungezwungenen Konsums auf Pump nun das Sparen angesagt. Laut dem Marktforschungsunter-nehmen SpendingPulse haben die US-amerikanischen Verbraucher im November im Vergleich zum Vorjahr 5,5 Prozent we-niger ausgegeben. Im De-zember – einschließlich Weihnachtsgeschäft – sei der Verbrauch bereits um acht Prozent gefallen.

Dies sei die schlimmste Saison seit Jahrzehnten ge-wesen, viel schlimmer als der von Experten vor-ausgesagte Rückgang um 1,5 bis höchstens 2,25 Prozent. Sogar die Reichen scheint es diesmal getroffen zu haben: Der Umsatz von Luxusgütern, einschließlich Schmuck, ging im Dezember laut SpendingPulse sogar um 34,5 Prozent zurück. Trotz dieser schlechten Nachrichten ist der wichtigste US-Aktienindex Dow Jones Industrial Average am zweiten Weihnachtstag (Freitag) um 0,56 Prozent gestiegen.

Der Grund für die positi-ven Börsenstimmung war, daß die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) noch am 24. Dezember einen Weg gefunden hatte, um den angeschlagenen US-Autokonzern General Motors (GM) reichhaltig bescheren zu können. Da es juristische Probleme gegeben hätte, GM von dem für die Rettung der Banken bereitgestellten Geldsegen von 700 Milliarden Dollar profitieren zu lassen, hatte die Fed den Konzern eigenen GM-Finanzdienstleister, GMAC Financial Services, kurzerhand in den Status ei-ner Bank erhoben. Auf diese Weise wäre für General Mo-tors der Weg frei gewesen, über seine neue GMAC-»Bank« tief ins Füllhorn der Steuergelder zu greifen.
Die Hiobsbotschaft kam jedoch am Sonntag. Die Frist für GMAC, um als Bank einen Antrag für ihren Anteil an den 700 Milliarden zu stellen, war um Mitternacht von Freitag auf Samstag abgelaufen. Am Sonntag wurde bekannt, daß GMAC diese Frist offenbar ungenutzt hatte verstreichen lassen.

Rainer Rupp

Freitag 2. Januar 2009