Magna cum laude

Nach 78 Jahren: Die 102-jährige Kinderärztin, Antifaschistin und DDR-Bürgerin Ingeborg Rapoport erhält ihren von den Nazis verwehrten Doktortitel mit Auszeichnung

Die bekannte wie beliebte Kinderärztin und Inhaberin des ersten europäischen Lehrstuhls für Neonatologie an der Charité der DDR, Professor Dr. Ingeborg Rapoport, hat ihre Doktorarbeit heute vor einer Woche mit Bravour verteidigen können. Das Besondere an dem Rigorosum war: Die Doktorandin ist 102 Jahre alt, und die zur Promotion dazugehörige Dissertation verfaßte sie – damals unter ihrem Mädchennamen Ingeborg Syllm – mit 25 Jahren im faschistischen Deutschland. 1937 war ihr die mündliche Prüfung zu ihrer Doktorarbeit über Diphtherie von den Nazibehörden unter Verweis auf ihre jüdische Mutter verweigert worden. Damit blieb sie in Deutschland ohne einen akademischen Abschluß, den sie dann nach ihrer Flucht im Jahr 1938 unter widrigen Umständen in den USA nachholen mußte.

Eine offizielle Prüfungskommission der medizinischen Fakultät des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf tagte Mitte Mai 2015 in Berlin-Pankow, um das vor mehr als 78 Jahren begangene Unrecht des Hitlerregimes und seiner willigen Helfer an den Universitäten aufzuarbeiten. Der Leiter des Gremiums, Dekan Professor Dr. Dr. Uwe Koch-Gromus, und zwei Professoren unterzogen die Ärztin in ihrem Wohnzimmer einer fast einstündigen Befragung, die sie erfolgreich bestand.

Der Dekan war begeistert von seiner hochbetagten, aber quicklebendigen Doktorandin und erklärte unmittelbar nach der Prüfung gegenüber Journalisten: »Nicht nur unter Berücksichtigung ihres hohen Alters war sie einfach brillant. Wir waren beeindruckt von ihrer intellektuellen Wachheit und sprachlos über ihr Fachwissen – auch im Bereich moderner Medizin.« In einer in Hamburg veröffentlichten Presseerklärung der Universität setzte er hinzu: »Mit dieser nachträglichen Promotion können wir geschehenes Unrecht nicht wiedergutmachen. Aber wir tragen damit zur Aufarbeitung der dunkelsten Seiten deutscher Geschichte an den Universitäten und Hochschulen bei.«

Der ungewöhnliche und weltweit rekordverdächtige Vorgang der erfolgreichen Promotion einer 102-Jährigen wurde ausgelöst durch das von Ingeborg Rapoport verfaßte Buch »Meine ersten drei Leben«. Es war Koch-Gromus vor etwa zwei Jahren in die Hände gefallen und die hochinteressante Biographie – insbesondere ihre Schilderungen über die Verweigerung der Prüfung im Jahr 1937, über die Prüfungszettel mit dem dicken gelben Diagonalstrich und andere Diskriminierungen der jungen jüdischen Studentin – hatte den Hamburger Dekan der Medizinischen Fakultät des Klinikums elektrisiert und motiviert, trotz einiger erster, zumeist rechtlicher Hindernisse endlich der damals Geschädigten zu ihrem Recht zu verhelfen. Der Vorschlag einiger seiner Kollegen, doch einen Doktor honoris causa zu verleihen, war sowohl von ihm als auch von Ingeborg Rapoport als unzureichend abgelehnt worden.

Krakeelende braune Studenten

Für die ehemalige Kinderärztin waren die Wochen vor der Prüfung ein Wechselbad der Gefühle. Sie freute sich zwar, in ihrem Alter noch einmal einer solchen Herausforderung zu begegnen und versuchte, sich intensiv darauf vorzubereiten. Da sie fast blind ist, beauftragte sie einige ihrer Freunde und ehemaligen Kollegen, neuere Fachtexte aufzutreiben und im Internet »nach allem zu googeln, was mit neueren Erkenntnissen über Diphtherie zu tun hat«, und es ihr am Telefon vorzulesen. »Natürlich hatte ich auch Angst vor der Prüfung«, erklärt sie im Gespräch mit dem Autor. »Ich wollte ja die drei Professoren, die extra aus Hamburg gekommen waren, keineswegs enttäuschen.«

Die größte Belastung für die 102-Jährige aber war, so beschreibt sie dem Autor ihren Gemütszustand in den vergangenen Wochen, daß in der Vorbereitungszeit die lange verschütteten Erinnerungen an die Scheußlichkeiten der faschistischen Umtriebe insbesondere an der Universität wieder lebendig wurden und ihr den Schlaf raubten. Da waren sie wieder, die krakeelenden braunen Studenten, die ihren Anatomieprofessor Heinrich Poll in Vorlesungen ungestraft störten und niederschrien, nur weil er »Halbjude« war. Schließlich trieben sie ihn und seine Frau in den Selbstmord. Auch die Erinnerungen an den überaus beliebten Physiologieprofessor Otto Kestner, einen »Vierteljuden«, kamen zurück, der auch ins Ausland flüchten mußte und dort wegen seines Alters nie wieder lehren konnte. »Fast der gesamte Lehrkörper ist dann naziverseucht gewesen«, erinnert sie sich. Und bald sei die schreckliche »Kindereuthanasie« »irgendwie herangekrochen«.
Ungewöhnlich war es auch, daß der Direktor der Universitätskinderklinik Hamburg, Professor Dr. Rudolf Degkwitz, ein 1938 bereits desillusionierter Altnazi, der Doktorandin Ingeborg Syllm noch kurz vor ihrer Flucht auf einem offiziellen Briefbogen der Klinik bestätigte, daß ihre wissenschaftliche Arbeit über Diphtherie »von mir als Doktorarbeit angenommen worden wäre, wenn nicht die geltenden Gesetze wegen der Abstammung des Frl. Syllm die Zulassung zur Promotion unmöglich machten«. Das war ein Dokument, das ihr dann in den USA zwar wenig half, aber 2015 den Weg zur Verteidigung ihrer Doktorarbeit ebnete.
Ingeborg Rapoport ist sich klar darüber, daß ihr Fall damals nicht ungewöhnlich war, daß außer ihr Tausende Studenten und Professoren von den Naziuniversitäten geschmissen wurden, weil sie Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter oder Juden waren. Viele seien eingesperrt, nicht wenige auch umgebracht worden. Daß sie sich dem durch Flucht entziehen konnte, ist für sie immer noch ein großes Geschenk.

Flucht in die USA

Bei ihrer Flucht aus Nazideutschland 1938 in die USA habe sie nicht geahnt, »welche Konsequenzen der fehlende Doktortitel für mich selbst haben würde«. Sie habe deswegen in den USA, trotz der Bescheinigung von Professor Degkwitz, »noch einmal zwei Jahre lang studieren und viele Hürden nehmen« müssen. An 48 medizinischen Hochschulen habe sie sich beworben – nur zwei hätten geantwortet und sie zu einem Gespräch eingeladen. Das Women’s Medical College in Philadelphia habe sie schließlich als einzige der Hochschulen angenommen. Die zweite Einrichtung, die sich gemeldet hatte, war die berühmte Columbia-Universität in New York City. Hier war sie mit einem Aspekt der akademischen Ausbildung konfrontiert worden, der für sie absolutes Neuland war. In ihrer Autobiographie »Meine drei Leben« schildert sie diesen Moment im Büro des Dekans: »Für immer sehe ich das riesige Managerzimmer des Deans der Medical School vor mir, den übergroßen Schreibtisch und die riesigen Sessel. Er bat mich, Platz zu nehmen, und prompt versank ich im dunkelbraunen Leder. Dann stellte er mir eine einzige Frage: ›Wieviel Geld haben Sie?‹ Und als ich ihm antwortete ›Gar keins‹, erhob er sich aus seinem Sessel hinter dem Schreibtisch und sagte höflich und bestimmt: ›Dann brauchen wir kein weiteres Wort miteinander zu wechseln‹.«

In den 1997 erschienenen Erinnerungen beschreibt die Ärztin in faszinierender Art und Weise ihre Jahre in der Weimarer Republik und unter dem Faschismus sowie ihre Flucht 1938 in die USA. Sie schildert ihre dortige wissenschaftliche Entwicklung und die ihres Mannes Samuel Mitja Rapoport, den sie bei der gemeinsamen Arbeit am Kinderkrankenhaus in Cincinnati/Ohio kennengelernt hatte. Präsident Harry S. Truman verlieh dem aus Wien vor der zunehmenden Faschisierung geflüchteten Biochemiker Ende der 1940er Jahre die höchste USA-Auszeichnung für Zivilisten, das »Zertificat of Merit«, für seine erfolgreichen und einzigartigen Forschungsergebnisse zur Konservierung von Blut.

Bald darauf setzten jedoch die Verfolgungen der McCarthy-Zeit ein – mit psychischem Terror gegen die beiden Wissenschaftler, die überzeugte Kommunisten waren. Auch ihre drei Kinder gerieten in Gefahr. Die beiden sahen sich angesichts einer drohenden Vorladung vor den »Ausschuß für unamerikanische Betätigung« des USA-Kongresses gezwungen, 1950 – obwohl Ingeborg Rapoport hochschwanger war – überstürzt zu fliehen und nach Europa, ins vertraute Wien, zu reimmigrieren. Das beendete damals das »zweite Leben« der beiden Antifaschisten.

An der Kinderklinik der Charité

Aber in Wien gab es für die Wissenschaftler keine Arbeit. Die unübersehbaren Indizien, daß eine schwarze Liste der USA-Geheimdienste zu existieren schien, kommentiert Ingeborg Rapoport in ihrem Buch mit der lakonischen Feststellung: »McCarthy erreicht uns auch in Wien.« Nach Deutschland wollte sie angesichts ihrer eigenen Erfahrungen nie wieder zurück, das hatte sie sich geschworen. Doch 1952 begann dann das »dritte Leben« der beiden Rapoports: eine fast 40 Jahre dauernde erfolgreiche und befriedigende ärztliche und wissenschaftliche Tätigkeit in der DDR, dem »anderen Deutschland«, wie sie in ihrer Biographie feststellt.

In der DDR gehörte Ingeborg Rapoport nach einiger Zeit des Einarbeitens bald zu den renommierten Kinderärzten. Nach ihrer Arbeit als Oberärztin an der Kinderklinik des Hufeland-Krankhauses in Berlin-Buch und einer Aspirantur am biochemischen Institut der Humboldt-Universität wechselte sie 1958 endgültig zur Kinderklinik der Charité. Dort arbeitete sie bis zu ihrer Emeritierung 1973 als Dozentin und Professorin, wobei Titel und Auszeichnungen, von denen sie viele erhielt, für sie nie wichtig waren. »Es war eine Zeit des Lernens und auch vieler Initiativen für die ständige Verbesserung des Gesundheitswesens, eine Zeit, wie ich sie nie zuvor und auch später nicht mehr erlebt habe«, erzählt sie. Ein DDR-weites Forschungsprojekt im Bereich der Perinatologie sei damals ebenso aus der Taufe gehoben und sie mit der Leitung beauftragt worden. Es habe dazu beigetragen, die Säuglingssterblichkeit in der DDR wesentlich zu senken.

Stolz ist sie auch auf viele ihrer Kolleginnen wie Kollegen und Schüler, mit denen sie immer noch Kontakt hält. Zahlreiche Studierende wurden zu bekannten Ärzten und Wissenschaftlern insbesondere in der Neonatologie. Der Charité habe sie sich »auch über meine Emeritierung im September 1973 hinaus bis zur ›Wende‹ zugehörig gefühlt«. Wenn sie an die Zeit nach 1989 und an das Schicksal vieler ihrer ehemaligen ärztlichen und wissenschaftlichen Mitstreiter aus der DDR denkt, ist sie traurig und wütend. »Nie hätte ich gedacht, noch einmal eine solche Flut von Berufsverboten, die massenhafte Vernichtung von Existenzen und Verachtung von Talenten zu erleben, mehr als 45 Jahre nach dem Sieg über den Hitlerfaschismus und 40 Jahre nach der McCarthy-Ära der USA«, schreibt sie in ihrer Autobiographie.

Im Oktober 1990 weilte sie zu einem wissenschaftlichen Kongreß in den USA, ihrer zweiten durch die Kommunistenverfolgungen verlorenen Heimat – und erfuhr, daß ihr gerade die DDR abhanden gekommen war. Als ihre US-amerikanischen Kollegen in der Nacht zum 3. Oktober mit ihr auf die »Wiedervereinigung« anstoßen wollten, war ihr das unmöglich. »Mir war das Herz zu schwer, um auch nur einen einzigen Schluck herunterzubekommen«, beschreibt sie die Situation und fährt fort: »Nun lebe ich wieder im alten Deutschland. Im Gegensatz zu den vielen Menschen, die hier meinen, einen flotteren Gang in den Fortschritt zu erleben, habe ich das Gefühl, aus dem dritten in den Rückwärtsgang geschaltet zu haben. Nach wie vor glaube ich, daß der Sozialismus die bisher höchste Stufe aller Gesellschaftsordnungen ist. Wie der Felsblock dem Sisyphus ist er uns den Berg hinabgerollt, und wie viel Mühen wird es kosten, ihn erneut hinaufzuschieben!«

Sehr nachdrücklich hat die Ärztin auch alle Versuche in den vergangenen 25 Jahren zurückgewiesen, die DDR als einen Unrechtsstaat darzustellen. Insbesondere, wenn es in ihrer eigenen Partei, Die Linke, geschah, wie zuletzt durch den Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow und die dortige Landesorganisation 2014. Daraufhin unterstützte sie einen Beschluß ihrer Parteigruppe, in dem es hieß: »Wir sind der Auffassung, daß die Bezeichnungen ›Unrechtsstaat‹ und ›Diktatur‹ für die DDR ein gefährlicher Wegbereiter sind, sie mit dem faschistischen Mörderregime gleichzusetzen.«

Ein ganz besonderes Ereignis im »vierten Leben«

Noch einmal zurück zur Erklärung des Dekans der Medizinischen Fakultät des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, Professor Koch-Gromus, über die »dunkelsten Seiten deutscher Geschichte an den Universitäten und Hochschulen«. Zu deren Aufarbeitung gehöre auch die späte Ehrung für die, wie die Presseerklärung der Einrichtung hervorhebt, überzeugte Sozialistin Ingeborg Rapoport.

Am 9. Juni wird die Urkunde über die Promotion mit dem voraussichtlichen Prädikat »magna cum laude« auf einer Festveranstaltung im Erikahaus des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf an die Kinderärztin Ingeborg Rapoport überreicht werden. Vertreter des Senats, des Klinikums sowie ihre Familie, Freunde und Bewunderer werden dabei sein. Der Dekan der Medizinischen Fakultät, an der sie vor mehr als 80 Jahren ihr akademisches Leben mit so viel Hoffnung begonnen hatte, die angesichts der Nazibarbarei dann von Entsetzen und Angst abgelöst wurde, wird die Promotionsrede halten. Dieser Tag wird gewiß ein ganz besonderes Ereignis im »vierten Leben« der Humanistin, Antifaschistin und Kommunistin Ingeborg Rapoport sein.

Horst Schäfer

Freitag 22. Mai 2015