Gewalt in den eigenen vier Wänden

Im vergangenen Jahr mußte die Polizei 876 Mal einschreiten, 327 Mal wurden nach dem Prinzip »Wer schlägt, muß gehen« Wegweisungen ausgesprochen

Nach einer vom Europarat zitierten Statistik ist häusliche Gewalt die häufigste Ursache für den Tod oder die Gesundheitsschädigung bei Frauen zwischen 16 und 44 Jahren. Jede vierte Frau in Europa wird demnach mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Gewalt, jede zehnte wird Opfer sexueller Übergriffe. Wie Gleichstellungsministerin Lydia Mutsch dem letzten Ministerrat berichtet hat, lag Luxemburg mit 876 polizeilichen Interventionen wegen häuslicher Gewalt und 327 Wegweisungen nach dem Prinzip »Wer schlägt, muß gehen« im vergangenen Jahr zumindest in EU-Europa weiterhin an der Spitze.

2013 wurden weniger (844) polizeiliche Interventionen wegen häuslicher Gewalt und mehr (357) Wegweisungen gezählt. Wobei mehr Polizeieinsätze (2004 mußte die Polizei erst 253 Mal eingreifen) darauf zurückzuführen sein könnten, daß Nachbarn, Freunde und Angehörige heute seltener wegsehen als früher und daß Betroffenen – auch der kleinen Gruppe der männlichen Gewaltopfer – effektiver geholfen werden kann, seit das 2003 verabschiedete Wegweisungsgesetz im selben Jahr verbessert wurde.

Zum einen sind Kinder nun besser geschützt, da man sie als Opfer innerfamiliärer Gewalt anerkannt hat, zweitens wurden die Gewalttäter verpflichtet, Beratungsangebote wahrzunehmen und drittens wurde die Maximaldauer einer Wegweisung, die nur von der zuständigen Staatsanwaltschaft ausgesprochenen werden kann, von zehn auf 14 Tage verlängert, um den Opfern die nötige Zeit zu geben, unbeeinflußt vom bisherigen Partner nachzudenken und Dinge zu klären.

Dem Bericht zufolge waren bei fast zwei von drei Polizeieinsätzen (62,4 Prozent) Frauen die Opfer, 2013 lag der Anteil bei 64,26 Prozent. Gleichzeitig waren 65,7 Prozent der Täter männlichen Geschlechts. 300 polizeibekannte Fälle endeten 2014 mit Verletzungen, die oft zu einer Krankschreibung führten. 2013 wurden 312 Verletzungen gezählt. Im vergangenen Jahr wurden 53 Todesdrohungen bekannt, 2013 waren es 57.
Von den 327 von den Staatsanwaltschaften Luxemburg und Diekirch 2014 ausgesprochenen Wegweisungen richteten sich 289 gegen Männer, die die gemeinsame Wohnung verlassen mußten, was 94,4 Prozent entspricht. In 83,2 Prozent der Fälle war der häuslichen Gewalt ein Streit in einer aktuellen oder ehemaligen Beziehung vorausgegangen und in 29 Fällen mußte ein Kind den gemeinsamen Haushalt verlassen, weil es Gewalt gegen seine Eltern ausübte. Im Bericht wird betont, daß es sich dabei meistens um erwachsene Kinder handelte. 17 Mal mußten Eltern weggewiesen werden, weil sie gegenüber ihrem Nachwuchs gewalttätig wurden.

Der Jahresbericht wird von einem Ausschuß erstellt, dem sowohl Vereinigungen zur Betreuung von Gewaltopfern als auch staatliche Stellen angehören. Seit Ende 2013 ist auch die bisher einzige Vereinigung, die sich um die Täter kümmert, in diesem Ausschuß vertreten.

oe

Oliver Wagner : Dienstag 19. Mai 2015