Unser Leitartikel:
Selektive Erinnerungskultur

Als das offizielle Luxemburg den 70. Jahrestag der Rückkehr von Großherzogin Charlotte aus dem Exil beging, nutzten zwei nach der Befreiung geborene Escher den sonnigen Dienstag, um das Grab der Resistenzlerin Ernie Reitz auf dem Joseph-Friedhof zu reinigen, wieder herzurichten und mit blauen, weißen und roten Blumen zu schmücken.

Ernie Reitz hatte nach dem Überfall der Nazis geholfen, Refraktäre, die sich der Einziehung in die Hitlerwehrmacht oder den »Reichsarbeitsdienst« verweigert hatten, zu verstecken und mit dem Nötigsten zu versorgen. In Anerkennung ihrer Verdienste wurde nach ihrem Tod 1989 eine Straße ihrer Heimatstadt nach der Widerstandskämpferin benannt. Ihr Grab aber wurde sich selbst überlassen und befand sich vor der Reinigungsaktion in einem unwürdigen Zustand.

So erging es auch dem Grab von Hans Adam, dem aus Deutschland stammenden Antifaschisten, der am 31. August 1942 im Schifflinger Hüttenwerk das Signal zum Generalstreik gegen die Nazis gegeben hatte.

Wenige Tage nachdem im vergangenen Jahr überall im Land des 70. Jahrestages der Befreiung von den Nazibesatzern und der Opfer des Generalstreiks gedacht wurde, enthüllte die Escher OGBL-Sektion am
11. September, dem Tag, an dem Hans Adam in Köln enthauptet wurde, eine von ihr gestiftete Gedenktafel an seinem von der Gewerkschaft hergerichteten Grab auf dem Lallinger Friedhof.

Als am letzten Wochenende die Feierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar stattfanden, meldete RTL Radio Lëtzebuerg, das KZ sei am 11. April 1945 von »amerikanischen Truppen« befreit worden und bei den Häftlingen habe es sich um Juden, Sinti und Roma sowie um Luxemburger gehandelt.

Kein Wort über die vielen tausend Kommunisten aus ganz Europa, darunter der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann, die in Buchenwald ermordet wurden! Auch die 15.000 sowjetischen Kriegsgefangenen, immerhin die größte Opfergruppe in diesem KZ, in dem in weniger als acht Jahren 56.000 Menschen ermordet wurden, waren RTL keine Erwähnung wert.

Besonders empörend an dieser selektiven Erinnerungskultur aber ist das Verschweigen der historischen Tatsache, daß sich die Häftlinge in Buchenwald aus eigener Kraft selbst befreit haben, indem sie Jahre vor dem 11. April 1945 begannen, unter den Augen von SS und Gestapo eine geheime Organisation der Häftlinge aufzubauen. Diesem Internationalen Lagerkomitee gehörten neben deutschen Kommunisten wie Emil Carlebach Vertreter fast aller Häftlingsgruppen an.

Dem Lagerkomitee, das unzähligen Mithäftlingen das Überleben in Buchenwald ermöglichte, gelang es Anfang April 1945, über 21.000 Häftlinge, unter ihnen mehr als 900 Kinder, die noch in diesen Tagen auf Todesmärsche geschickt werden sollten, zu retten.

Als sich die ersten USA-Panzer dem Lager näherten, holten die militärisch organisierten und geschulten Häftlinge ihre selbstgebauten Waffen aus den Verstecken, schalteten den Strom im Zaun aus, besetzten die Türme und überwältigten die verbliebenen Wachen. Um 15.15 Uhr konnte der Lagerälteste, der Trierer Kommunist Hans Eiden, über Lautsprecher verkünden: »Kameraden, wir sind frei!« Zwei Aufklärer berichteten später in einer Zeitung der USA-Armee, sie seien völlig verblüfft gewesen, auf bewaffnete Häftlinge zu stoßen, die die Kontrolle über das Konzentrationslager übernommen hatten.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Donnerstag 16. April 2015