Die Retter von Deutschlands Ehre, dargestellt durch die Hollywood-Schauspieltruppe unter der Regie von Brian Singer

Mission: Impossible (IV)

Wie Tom Cruise beinahe Adolf Hitler umbrachte

Ehrlich gesagt – eine Offenbarung ist es nicht gerade, was Bryan Singer, da mit »Valkyrie« auf die Leinwand gebracht hat. Und vermutlich hatte er solches auch nie vor. Es gibt da nichts, was der halbwegs informierte Zeitgenosse nicht ohnehin wußte. Dennoch, es ist ganz ordentliches Hollywood. Spannend. Obwohl man den Ausgang kennt, suggeriert der Film lange, es könnte auch anders kommen. Und es geht damit, in dieser Limitierung, in Ordnung.

In den deutschen Postillen spiegelt sich dies allerdings erstaunlich anders. Eben jenen, denen in Friedenszeiten vor lauter Servilität, irgendwelchen Hollywoodstars und -sternchen den roten Teppich ausrollen zu dürfen, der Geifer aus den Schuhsohlen quillt, bemerken plötzlich, daß der Hauptdarsteller, Tom Cruise, bekennender Scientologe ist. Das Kriegsministerium des Herrn Jung, derzeit in eine Reihe völkerrechtswidrige Kriege verwickelt, sah durch die Dreh-arbeiten im Bendlerblock die Würde des Ortes bedroht.

Und da ist natürlich noch die unsägliche Oberlehrerdebatte über die Originalität des Hosenknopfs, in diesem Falle der JU 52, mit der Hitler angeblich nicht an die Ostfront geflogen sei, oder ähnliches. »Valkyrie«, oder »Operation Walküre«, wie der Film in der deutschsprachigen Version heißt, sollte zum Mißerfolg werden, bevor er überhaupt gedreht war.

Das alles hat mit der Sache so wenig zu tun, wie die Kuh mit der Achterbahn. Aber wie immer, wenn die Lage unsicher ist, kommt taktisches Sperrfeuer zum Einsatz. Und im Falle des 20. Juli 1944 ist die Lage der deutschen historiographierenden Bewußtseinsindustrie kompliziert.

Nach ihrer katastrophalen Niederlage am 8. Mai 1945 konnten sich die alten Kameraden (mit und ohne SS-Tätowierung) mit Hilfe der Westmächte schnell wieder in den führenden Positionen des Adenauer-Staates einrichten. An ihre im günstigen Fall klägliche, im Normalfall mörderische Rolle während des deutschen Faschismus wollte da niemand gern erinnert werden. In der Wirtschaftswunderidylle waren, wenn auch die Lautstärke gedämpft werden mußte, die Männer des 20. Juli noch immer die Verräter.

So wäre es vermutlich auch geblieben. Aber Adenauers Schwamm-drüber-Politik erwies sich in den gesellschaftlichen Nachkriegskrisen als wenig »nachhaltig«. Zum einen rüttelten die großen Nazi-Prozesse eine zunehmend kritische Jugend auf. Zum anderen stieg in den 60er Jahren der US-Imperialismus in das Israel-Projekt ein. Aus dieser Kumpanei entwickelte sich die günstige Möglichkeit, einem ambitionierten Vasallen, der BRD, wenn es nötig war, die Grenzen aufzuzeigen, Gefolgschaftstreue einzufordern und gleichzeitig seine eigenen Verbrechen zu relativieren. Spätestens seit Marvin J. Chomskys 4-Teiler »Holocaust« 1978 mit Einschaltquoten von 39 Prozent war es mit der verdrängenden Gemütlichkeit vorbei. Der vierte Anlauf für die Verjährung der Nazi-Verbrechen scheiterte im Bundestag 1979.

Und immer wieder, wenn die Schlußstrich-Fraktion die Zeit für einen neuen Anlauf gekommen sah, holte Hollywood zu einem neuen Schlag aus. 1994 ist es Steven Spielberg mit »Schindlers Liste«. Und als dann noch Goldhagens Buch »Hitlers willige Helfer« und die Ausstellung »Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht« in die breite öffentliche Debatte kam, war auch die Fiktion von der »sauberen Wehrmacht« nicht mehr aufrecht zu halten.

Um Deutschland nach ’89 zu einem »Global Player« zu machen, mußte die deutsche Bewußtseinsindustrie aus ihrer passiven Verteidigungsposition zum aktiven Kampf um die Deutungshoheit übergehen. Ab Mitte der 90er Jahre setzte die Flut der unsäglichen Hitler-Filme ein. Die Linie hieß nun: Gut, es gab ein singuläres Verbrechen. Die Opfer waren die Juden. Hitler und seine Nazis waren 1933 über das deutsche Volk gekommen. Sie wollten sie umbringen. Das war der Sinn des Krieges. Seht her, wir bekennen unsere Schuld.
Wir haben ein riesiges Denkmal am prominentesten Ort Deutschlands errichtet. Aber, als dieser Krieg fehlschlug, wollte Hitler auch das deutsche Volk umbringen. (»Der Untergang«, 2004). Und damit das auch jeder versteht, gab es reichlich Bomben-, Vertreibungs- und Vergewaltigungsfilme.

Diese völkischen Deutung der völkischen »Erhebung« braucht ein positives Ergänzung: Den »Deutschen Widerstand«. Er hat die Ehre der Deutschen gerettet.

Eine elegante, aber fragile Konstruktion. Sie ist bedroht durch die Nähe des »Deutschen Widerstandes« zum Faschismus. Nach dem verlorenen ersten Weltkrieg werden seine Ergebnisse vom deutschen Imperialismus natürlich nicht akzeptiert. Unmittelbar mit der Niederschlagung der Revolution setzt die Suche nach einem neuen Anlauf ein. Hier stehen sich verschiedene Ansätze gegenüber.

Geistig-adlige Elitekonzeptionen des Neo-Konservatismus und biologistisch-rassistische des Faschismus. Sie alle einte das Ziel: Revision von Versailles, von Weimar, von Demokratie. In diesem Konkurrenzkampf setzt sich der Faschismus durch. Er bringt die Massen in Bewegung.
Das Verhältnis des Stauffenberg-Kreises zu Hitler ist das des überlegenen alten Adels zu einem nolens volens geduldeten, aber nicht satisfaktionsfähigen Emporkömmlings. Konnte er die Arbeiterbewegung zerschlagen, das 100.000-Mann-Heer zu einer überlegenen Truppe ausbauen? Das war das Entscheidende. Auf den Champs-Élysées war denn auch das Naserümpfen des Offizierschors geschwunden. Die erneute Wende kam am 2. Februar 1943. Mit dem Untergang der 6. Armee bei Stalingrad.

Als nun allen Nüchternen klar war, daß es keinen Endsieg geben konnte, stand die Frage: Wie aus diesem Schlamassel herauskommen? Gegen die Rote Armee gab es kein Halten mehr. Allenfalls ein Separatfriede mit den Westalliierten konnte den Machterhalt garantieren. Aber mit Hitler an der Macht war das nicht zu machen. Andererseits war die Legitimation derart auf den gottgleichen »Führer« ausgerichtet, daß ein Putsch gegen ihn ein dramatisches Autoritätsvakuum auslösen würde. Ob eine Putschregierung, und etwas anderes kam für die bekennenden Antidemokraten nicht in Frage, in der sich rapide verschlechternden Lage imstande sein würde sich zu stabilisieren, war mehr als die Frage. Die Erfahrungen mit dem November 1918 saßen allen noch in den Knochen.
Nach ihrem Pakt mit Mephisto saß die alte Macht saß in der babylonischen Gefangenschaft. Letztlich schien die Option, bis zur Übernahme durch die (West)-Alliierten abzuwarten, den meisten die sicherste zu sein. Tom Cruises Frage: »Was kommt danach?«, wußte weder im Film noch in der Realität jemand schlüssig zu beantworteten. Dieses Dilemma steht hinter der Wankelmütigkeit und Zögerlichkeit des »Deutschen Widerstandes«. Das ist nicht gerade der Stoff, aus dem Heldenmythen geformt werden.

Hier die Deutungshoheit zu verlieren, beunruhigte die Bewußtseinsindustrie sichtlich. Und ein bißchen ist es auch so gekommen: Es gab auch Helden in Nazi-Deutschland. Die heißen Tom Cruise und Kenneth Branagh. (Stauffenberg und Tresckow). Aber der »Deutsche Widerstand«, das waren Ignoranten und Zauderer wie Friedrich Olbricht (Bill Nighy) und Carl Goerdeler (Kevin McNally). Und noch schlimmer war die Bande der zahllosen Speichellecker vom Schlage eines Wilhelm Keitel (Kenneth Cranham).

Während andere noch kämpfen, hat FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher auch hier Frontbegradigung betrieben: Wozu 2009 noch die komplizierte Rehabilitation der elitären Militärkaste betreiben? Ihre Ansprüche sind in einer modernen Armee eher dysfunktional. Die Fokussierung auf den makellosen Held, die Aufhebung des 20. Juli, in der Saga vom ewigen, weltweiten Kampf des Guten gegen das Böse bietet hinreichend – vermittelbaren – Legitimationsstoff.

Klaus Wagener

Donnerstag 29. Januar 2009