Einseitige Anschuldigungen?

Am Sonntag unternahm ein Moderator des britischen TV-Senders BBC den Versuch, einen Sprecher des israelischen Außenministeriums nach der »Verhältnismäßigkeit« der israelischen »Militäroffensive« gegen Gaza zu befragen. Der israelische Diplomat hob zu langen Ausführungen über die Gefahren an, denen die israelische Bevölkerung durch die palästinensischen Kassam-Raketen ausgesetzt sei. Auf die konkrete Frage des britischen Journalisten, der garantiert keiner kommunistischen Hinterlistigkeit beschuldigt werden kann, ob es denn »verhältnismäßig« sei, wenn seit dem Jahr 2005 insgesamt neun Israelis, aber gleichzeitig mehr als 1.400 Palästinenser getötet worden seien, antwortete der Außenministeriumssprecher in Jerusalem erneut mit ausführlichen Erklärungen, die in der Bemerkung gipfelten, man müsse dafür sorgen, daß israelische Schulkinder zur Schule gehen können.

Etwa 24 Stunden zuvor hatten israelische Kampfflugzeuge mit über 100 Tonnen Bomben und Raketen belebte Teile im Zentrum der Stadt Gaza beschossen. Dort waren gerade junge Rekruten zur Ausbildung als Polizisten angetreten, Hausfrauen bemühten sich, auf dem Markt etwas einzukaufen, und Kinder waren auf dem Weg von der Schule nach Hause. Niemand war da, um die palästinensischen Schulkinder zu schützen.

Es besteht kein Zweifel daran, daß absolut niemand das Recht hat, im Keller oder in der Garage Raketen zu basteln und damit Menschen in einem Nachbarland zu bedrohen, zu verletzen oder gar zu töten. Neun tote Israelis seit 2005 sind auf jeden Fall neun Tote zu viel.
Aber warum sollte der israelische Staat das Recht haben, für neun Tote mehr als 1.400 Menschen auf der anderen Seite umzubringen? Dafür kann und darf es keine Rechtfertigung geben! Auch nicht die, daß in unseren ach so freiheitlichen und demokratischen Medien die Opfer stets mit dem Attribut »radikal-islamisch« bedacht werden. Müssen wirklich Schulkinder in Gaza getötet werden, damit ihre Altersgenossen in Jerusalem zur Schule gehen können?

Der Krieg im Nahen Osten war und ist kein Religionskrieg. Dort geht es seit zweitausend Jahren stets um Territorien sowie um die Macht, die Menschen und die Schätze der Region zu beherrschen. Daß die Araber rings um Israel mehrheitlich einer anderen Religion angehören, wird genutzt, um die Menschen zu belügen. Wenn die Machthaber in Jerusalem so großen Wert auf jüdische Glaubensbekenntnisse legen – warum schicken sie dann junge Männer am Sabbat mit Flugzeugen los, um Bomben zu werfen und Raketen abzuschießen? An einem Sabbat darf ein orthodoxer Jude, der seinen Glauben ernst nimmt, nicht einmal Auto fahren!

Die Politiker im »freien Westen« und die Journalisten der meinungsbildenden Medien werden nicht müde, der Hamas die Schuld am Elend in Gaza zu geben. Daß genau diese Hamas mehrmals Friedensangebote gemacht hat, einschließlich der Anerkennung Israels, wird dabei verleumderisch verschwiegen. Und auch, daß Israel es ablehnt, die Forderung nach Räumung der 1967 besetzten Gebiete zu erfüllen. Das ist jedoch laut Beschlüssen der UNO die Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden.

Wer angesichts der traurigen Opferzahlen, angesichts der toten Schulkinder, angesichts der zerstörten Häuser immer noch anklagend nur auf die Hamas zeigt, muß sich schon den Vorwurf der Einseitigkeit gefallen lassen!

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Freitag 2. Januar 2009