»Kontextualisierung der Geschichte«

LTML-Schüler und Dokumentationszentrum über Zwangsrekrutierung präsentieren Kalender »Les droits de l’Homme et la mémoire«

Am gestrigen Gedenktag an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 64 Jahren präsentierten Schüler des hauptstädtischen Lycée Technique Michel Lucius einen »Les droits de l‘Homme et la mémoire« genannten Kalender, den das LTML zusammen mit dem Centre de Documentation et de Recherche sur l’Enrôlement forcé (CDREF) und der Luxemburger Sektion von Amnesty International herausgibt.

Der Kalender ist das Ergebnis eines Projekttages gleichen Namens, der am vergangenen 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, von den drei Partnern organisiert wurde. 60 Jahre nachdem die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde, besuchte eine Klasse des LTML die KZ-Gedenkstätte im rheinland-pfälzischen Osthofen, eine zweite besichtigte das Toleranzzentrum in Lüttich, jüngere Schüler führten zusammen mit Amnesty International ein »atelier pédagogique« durch, und drei Klassen unterhielten sich mit Gerd Klestadt, einem Überlebenden des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, über seine Erlebnisse während der faschistischen Terrorherrschaft und die Bedeutung der Menschenrechte.

Bei der Präsentation des Kalenders gestern im Deportationsmemorial im ehemaligen Gebäude des Hollericher Bahnhofs waren auch Vertreter der deutschen und der russischen Botschaft, LTML-Direktor Jean-Marie Gieres sowie der ehemalige Zwangsrekrutierte Léon Beckius anwesend, der den Schülern als Augenzeuge der faschistischen Verbrechen von seiner abenteuerlichen Flucht aus der deutschen Wehrmacht berichtete. Ein Vertreter der britischen Botschaft ließ sich krankheitsbedingt entschuldigen und Erziehungsministerin Mady Delvaux-Stehres weilte im Ausland.

»Ich desertierte am 20. November 1943«, so Beckius. »Ich verwende dieses böse Wort, betone aber, daß wir nicht diese Art von Deserteuren waren, wie sie im ‚Larousse‘ oder im ‚Duden‘ beschrieben werden. Wir haben nicht die eigene Armee verlassen, sondern eine Armee, in die wir gezwungen wurden«. Was folgte, war eine detaillierte Schilderung der von ihm persönlich erlebten Zeit der Angst, aber auch der Solidarität und Hoffnungen, die bis zum 10. September 1944 andauern sollte.

Beckius berichtete von Familien, die ihn vor der Gestapo versteckten, »obwohl sie wußten, daß sie damit das Leben jedes einzelnen Familienmitglieds aufs Spiel setzten«, von Nächten, in denen er und andere Refraktäre ihr Versteck wechseln mußten, um das Risiko für sich und ihre Unterstützer zu minimieren, von Kammeraden, die nicht so viel Glück hatten wie er selbst und von der Solidarität der Bergarbeiter, die »d‘Jongen an den Bunkeren« zwischen Esch und Rümelingen mit Nahrung und Kleidung versorgten und wenn sich eine günstige Gelegenheit ergab, unter Tage nach Frankreich schafften. »Nach dem Krieg wurde zwar gesagt, der und der hat ‚d‘Jongen‘ versteckt, aber was diese Leute tatsächlich geleistet haben, war den wenigsten klar«, so Léon Beckius abschließend.

In der an Beckius‘ Vortrag anschließenden Diskussionsrunde mit den Schülern äußerte eine Teilnehmerin, man habe gemerkt, »daß es ihm wichtig ist, darüber zu sprechen; daß jeder weiß, was er damals gefühlt hat.« Derweil empfahl Léon Beckius seinen jungen Zuhörern: »Lest Bücher über die Konzentrationslager!«
Der Kalender selbst enthält historische und aktuelle Fotos, die mit kurzen Texten der Schüler versehen sind. So wird auf dem Januarblatt an die Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 erinnert, auf dem Maiblatt an die Ermordung der Sinti und Roma und auf dem Novemberblatt an »La Reichskristallnacht«. Was CDREF-Direktor Steve Kayser damit meinte, man habe sich um eine »historische Kontextualisierung« bemüht, wird aber erst auf den zweiten Blick deutlich. So mag es noch angehen, unter einem Foto von 13 Luxemburger Jugendlichen, die von den Hitlerfaschisten 1943 ins Umerziehungslager Stahleck verschleppt wurden, von der Kampagne gegen Kindersoldaten zu berichten, unter einem Foto vom Justizpalast in Rouen an den Nürnberger Prozeß zu erinnern oder unter einem Foto von drei jungen Luxemburgerinnen, die von den Nazis in den »Reichsarbeitsdienst« gezwungen wurden, Frauenrechte anzusprechen. Doch was »Le 11 septembre 2001« auf dem Septemberblatt zu suchen hat, läßt sich beim besten Willen nicht nachvollziehen.

oe

Oliver Wagner : Mittwoch 28. Januar 2009