Kämpfen für eine Agrarreform

Kongreß der Landlosenbewegung Brasiliens

Mit Kritik am Präsidenten und Kampfansagen für das neue Jahr ging am Samstag der mehrtägige 13. Nationale Kongreß der Landlosenbewegung MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) in Sarandi, im südbrasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul, zu Ende. Gewürdigt wurde das in den 25 Jahren des Bestehens der Organisation Erreichte.

Die Spannungen auf dem Land dürften in den nächsten Monaten aufgrund der Verschärfung der weltweiten Finanzkrise und ihrer Auswirkungen auf Brasilien zunehmen. Dies glaubt zumindest Gilmar Mauro, einer der Führer der MST. Wegen fehlender Möglichkeit zur Existenzsicherung in den großen Ballungszentren könnten die Menschen wieder verstärkt aufs Land abwandern. »In diesem Moment der Krise, in dem Unternehmen verschwinden, wird es kaum eine Alternative geben; die Leute werden Grund und Boden suchen, und deshalb wird der Druck steigen, und wir müssen unsere Bewegung stärken.« Die Organisation kündigte an, 2009 den Kampf für eine Agrarreform zu intensivieren. Es solle häufiger Demonstrationen und Protestaktionen geben.

Auch die Erfolge wurden zum 25jährigen Jubiläum gewürdigt. So hat die MST in all den Jahren rund 370.000 Familien ein eigenes Stück Land erkämpft. In vielen ländlichen Gegenden in denen die Bewegung agiert, wurde Analphabetismus beseitigt. Vor allem aber hat sie das jahrzehntelang nicht existente Thema Agrarreform überhaupt auf die politische Agenda gesetzt. Und sie wird heute von der Regierung und anderen Institutionen als Gesprächspartner und politischer Akteur ernst genommen. Auch dies ist das Resultat langer Kämpfe und Auseinandersetzungen.

Gleichzeitig ist Brasilien immer noch weltweit die Nummer zwei in Sachen Landbesitzkonzentration und ungleicher Landverteilung. Ein Prozent der Eigentümer verfügt über mehr als 46 Prozent der landwirtschaftlichen Anbauflächen; und die oberen zehn Prozent besitzen 85 Prozent des Bodens in Brasilien. Für die Nationale Koordinatorin der MST, Marina dos Santos, ist nicht zuletzt deshalb klar: »Wir werden weiterhin die Latifundien, das Agrarbusiness und die Firmen bekämpfen. 2009 werden wir den Kampf für eine Agrarreform noch vervielfachen. Das ist eine der Schlußfolgerungen aus 25 Jahren Kampf.«

Gleichzeitig kritisiert sie die von der Regierung Luiz Inácio Lula da Silva auf den Weg gebrachte Agrarreform. Die Aktionen der Regierung hätten vor allem kompensatorischen Charakter, da sie weder Besitzstrukturen im Land änderten, noch eine Dezentralisierung des Besitzes an Grund und Boden schafften. »Lula hat die Chance verpaßt, ein großes Programm einer breiten, massiven Agrarreform zu machen mit Umverteilung und Enteignung derjenigen Landgüter, die ihre Aufgaben nicht erfüllen. Statt dessen hat er sich zum Verbündeten des Agrarbusiness gemacht«, so dos Santos. Das teilweise Abrücken von Lula ist vor allem deswegen bemerkenswert, als der Präsident als historischer Verbündeter der Landlosenbewegung gilt.
In der vorigen Woche erst hatte die Regierung eine Finanzhilfe von fast einer Milliarde Euro für den Papier- und Zellstoffkonzern Votorantim zum teilweisen Kauf des Aracruz-Konzerns angekündigt und damit den Protest der MST hervorgerufen. Die Zellstoffkonzerne gehören zu den größten Landeignern in Brasilien.

Rund 1.300 Delegierte aus 24 der 27 Bundesstaaten hatten sich von Dienstag bis Samstag zu dem nationalen Treffen der MST in einer Ansiedlung auf dem früheren Landgut Annoni versammelt. Das heutige Novo Sarandi hat für die MST großen symbolischen Wert. Hier führte sie 1984, neun Monate nach ihrer Gründung, die erste Landbesetzung durch.
Die MST ist die vielleicht stärkste und einflußreichste außerparlamentarische politische Organisation Brasiliens – was den Agrarsektor angeht ganz sicher. Im Jahr 1984 als nationale Organisation gegründet hat sie ihre Wurzeln im historischen Kampf der brasilianischen Bauern für eine Agrarreform. Vor allem spektakuläre Landbesetzungen brachten ihr den Ruf einer kompromißlosen Vertretung der Interessen der Bauern und Landlosen ein und begründeten ihre heutige Stärke.

Andreas Knobloch São Paulo

Mittwoch 28. Januar 2009