Großbanken fordern weitere Staatshilfen

BNP Paribas und ING melden Milliardenverluste im Schlußquartal 2008

Das Krisenkarussell gewinnt an Fahrt: Dreieinhalb Monate nachdem BNP Paribas 14,5 Milliarden Euro für 75 Prozent des belgischen und 67 Prozent des luxemburgischen Teils der Fortis-Gruppe hingeblättert hat, kämpft die französische Großbank nun selbst mit den Folgen der kapitalistischen Finanzkrise. Wie es am Montag in Paris hieß, rechnet BNP Paribas im abgelaufenen Quartal mit einem Verlust von rund 1,4 Milliarden Euro.

»Extreme Marktbedingungen« hätten im vierten Quartal 2008 zu Abschreibungen in Höhe von 400 Millionen Euro und einem Verlust in den Sparten Großkundengeschäft und Investmentbanking von zwei Milliarden Euro geführt, hieß es. Für das Gesamtjahr sei jedoch noch mit schwarzen Zahlen und einem Nettoprofit von etwa drei Milliarden Euro zu rechen.

Das hält BNP Paribas allerdings nicht davon ab, das zweite Bankenhilfspaket der französischen Regierung in Anspruch zu nehmen. Über die Staatshilfe sollen die Anteilseigner auf einer eigens zu diesem Zweck einberufenen außerordentlichen Hauptversammlung abstimmen. Die Großbank plant, dem französischen Staat Vorzugsaktien ohne Stimmrecht im Wert von 5,1 Milliarden Euro anzudrehen. Dadurch soll die Kernkapitalquote auf etwa acht Prozent gesteigert werden.

ING streicht weltweit 7.000 Arbeitsplätze

Auch der niederländische Finanzkonzern ING gerät immer stärker in den Sog der Finanzkrise. Im vierten Quartal rutschte der Bank- und Versicherungskonzern mit einem Nettoverlust von rund 3,3 Milliarden Euro noch tiefer in die roten Zahlen und weist damit auch im Gesamtjahr einen Verlust aus. Dieser dürfte vorläufigen Zahlen zufolge bei einer Milliarde Euro liegen. Als Konsequenz kündigte das Unternehmen am Montag den Abbau von 7.000 Arbeitsplätzen an und greift ebenfalls erneut nach staatlicher Hilfe.

Vorstandschef Michel Tilmant nimmt wegen der dramatischen Entwicklung seinen Hut und soll von Jan Hommen abgelöst werden, der bisher dem Verwaltungsrat vorstand. Der Abbau von 7.000 der weltweit etwa 130.000 Vollzeitstellen soll noch in diesem Jahr erfolgen. Ob und in welchem Umfang die 15 ING-Filialen in Luxemburg von den Stellenstreichungen betroffen sind, wurde nicht mitgeteilt.

Die niederländische Regierung hatte ING erst im Oktober mit zehn Milliarden Euro frischem Kapital ausgeholfen. Nun übernimmt der Staat gegen eine Gebühr zudem die Garantie für den Löwenanteil des 27,7 Milliarden Euro schweren Portfolios an Ramschhypotheken. Für insgesamt 80 Prozent der Papiere geht das volle Risiko an den Staat über, allerdings wird dieser im Gegenzug zu seiner Garantie auch zu 80 Prozent an den Einkünften des Portfolios beteiligt. Als Teil der Vereinbarung hat ING sich verpflichtet, die Kreditvergabe deutlich hochzufahren. Zudem sollen die vom Staat bestellten Verwaltungsratsmitglieder ein stärkeres Mitspracherecht erhalten.

»Wir schätzen es sehr, daß die niederländische Regierung diese Maßnahmen ergreift, um Vertrauen in den Finanzsektor zurückzubringen«, erklärte Hommen. Von Oktober bis Dezember 2008 hätten sich die Marktbedingungen »weiter stark verschlechtert«, so daß das vierte Quartal »das schlechteste für die Kreditmärkte seit mehr als einem halben Jahrhundert« gewesen sei.

BCL-Präsident warnt vor Liquiditätsfalle

Derweil hat BCL-Präsident Yves Mersch vor den Folgen weiterer Zinssenkungen durch die Europäische Zentralbank (EZB) gewarnt. Er sei nicht dafür, daß der jüngst auf zwei Prozent gesenkte Leitzins noch viel weiter falle, sagte Mersch in einem gestern erschienenen Interview mit der »Financial Times«. Das EZB-Ratsmitglied begründete seine Haltung mit der Angst davor, in eine Liquiditätsfalle zu geraten, in der die Zinspolitik wirkungslos werde.

oe

Oliver Wagner : Dienstag 27. Januar 2009