Säureanschlag auf Gewerkschafterin

Basisgewerkschaften in Griechenland kämpfen
gegen Leiharbeit in der Reinigungsbranche

»Konstantina, du bist nicht allein!« Mit dieser Parole zogen am Donnerstagabend mehrere tausend Menschen durch die Straßen Athens. Zu der Demonstration aufgerufen hatten etwa 60 Basisgewerkschaften. Zeitgleich fanden Demonstrationen in anderen Städten des Landes statt.

Anlaß für diese bisher einmalige, weil direkt von der Gewerkschaftsbasis organisierte Demonstration, ist ein Verbrechen, das auch in Griechenland bisher ohnegleichen ist. Am 23. Dezember lauerten bisher unbekannte Täter der Generalsekretärin der Provinz Attika der Gewerkschaft der bei Putzfirmen Beschäftigten (PEKOP) auf. Konstantina Kouneva wurde festgehalten, ihr Gesicht mit Schwefelsäure übergossen und sie wurde gezwungen, die Säure auch zu schlucken. Die Gewerkschafterin liegt seitdem mit schweren inneren Verletzungen im Krankenhaus und kämpft um ihr Leben. Durch den Anschlag hat sie überdies ein Auge verloren.

Vieles deutet darauf hin, daß mit dem Mordanschlag eine aktive und beharrliche Gewerkschafterin zum Schweigen gebracht und ihre Kollegen und Kolleginnen eingeschüchtert werden sollten. Frau Kouneva hatte bereits mehrfach Drohbriefe und Droh-anrufe bekommen. Ihre ebenfalls bei der gleichen Reinigungsfirma OIKOMET angestellte Mutter war bereits entlassen worden.

Kurz vor dem Anschlag hatte Konstantina Kouneva öffentlich gemacht, daß die in ganz Griechenland vertretene Firma ihre überwiegend weiblichen Angestellten gezwungen hatte, eine Quittung über den Erhalt des gesamten ihnen zustehenden Weih-nachtsgeldes zu unterschreiben, während in Wirklichkeit nur ein Bruchteil des Geldes ausgezahlt wurde. Einer der größten Auftraggeber für OIKOMET ist der griechische Staat, der von der Firma unter anderem sämtliche Metrostationen der Hauptstadt, aber auch Schulen und andere öffentliche Einrichtungen reinigen läßt.

Seit Jahren prangert die Gewerkschaft die nach ihren Aussagen »mittelalterlichen Arbeitsbedingungen« in den Reinigungsfirmen an. Danach ist es nicht die Ausnahme, sondern die Regel, daß die Frauen gezwungen werden, Blankoverträge über Gelder zu unterschreiben, die ihnen nie ausgezahlt werden. In der Provinz Attika, zu der auch Athen gehört, arbeiten etwa 15.000 Menschen in Reinigungsfirmen, die meisten von ihnen – darunter auch Konstantina Kouneva – sind Migrantinnen. Nach Recherchen der Gewerkschaft wird etwa 30 Prozent von ihnen die Sozialversicherung verweigert, die übrigen arbeiten zum großen Teil unterversichert.

Um gegen diese Sklavenarbeitsbedingungen vorzugehen, fordern die Gewerkschaften, daß die Reinigung öffentlicher Gebäude wieder von Putzkräften übernommen wird, die direkt bei diesen Einrichtungen angestellt werden, und nicht bei privaten Putzfirmen. Das war auch der zentrale Inhalt des Aufrufs der 60 Basisgewerkschaften zur Demonstration am Donnerstagabend. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, ist man auch zum Streik bereit. So legten am Freitag die Angestellten bei der alten Athener Metrolinie ISAP für mehrer Stunden die Arbeit nieder. Der Arbeitsplatz von Konstantina Kouneva war bis zum Mordanschlag gegen sie die ISAP Station im Stadtteil Maroussi. Bei der griechischen Polizei scheint man kein großes Interesse an der Aufklärung des Falls zu haben. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, daß die Staatsanwaltschaft das polizeiliche Untersuchungsergebnis mit Anordnungen für weitere Untersuchungen und Zeugenbefragungen zurückgegeben hat. Anstatt den Motiven für einen Mordanschlag zur Einschüchterung der Gewerkschaft nachzugehen, hatten sich die Ermittlungen der Polizei mehr auf das private Umfeld von Konstantina Kouneva konzentriert.

Heike Schrader, Athen

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Notwendiger Nachtrag der Redaktion: Die Agentur AP sendete am Donnerstagabend folgende Meldung:

»Am Rande eines Protestmarsches in Athen ist es erneut zu Ausschreitungen gekommen. Zunächst demonstrierten am Donnerstag rund 3.000 Menschen friedlich gegen einen Säureangriff auf einen griechischen Gewerkschaftsführer im vergangenen Monat. Später setzten sich einige Jugendliche von dem Demonstrationszug ab und warfen mit Steinen und Brandbomben auf die Polizei. Diese setzte Tränengas ein.«

Dazu ist anzumerken, daß die mehr als 3.000 Menschen tatsächlich friedlich demonstrierten, und zwar nicht »zunächst«, sondern von Anfang bis Ende. Es handelte sich nicht um einen Angriff auf einen »Gewerkschaftsführer«, sondern auf eine aktive Gewerkschafterin. Unsere Korrespondentin Heike Schrader war persönlich bei der Demonstration und erklärte, daß zwar einige Steine gegen die aufmarschierten Polizisten geworfen wurden, jedoch keinerlei »Brandbomben« zu sehen waren. Wahr ist, daß die wie immer bei solchen Gelegenheiten martialisch mit Helmen, Schutzschilden und feuerfesten Schutzanzügen ausgerüsteten Polizisten Tränengas gegen die Demonstranten einsetzten und daß Müllcontainer in Brand gesteckt wurden, um die Wirkung des Tränengases zu mildern.

Wahr ist auch, daß die seit Tagen andauernden Protestaktionen der griechischen Bauern – die »Zeitung« berichtete in ihrer Freitagausgabe ­– der Agentur AP bisher keine einzige Zeile wert waren.

bro

Sonnabend 24. Januar 2009