Der Soundtrack zum Regierungswechsel

Bruce Springsteen veröffentlicht zum Beginn der
Obama-Ära »Working On A Dream«

»Ich arbeite an einem Traum, obwohl der sich so weit weg anfühlen kann«, singt Bruce Springsteen und schwingt den Hammer, bis er Schwielen an den Händen hat: »I’m working on a dream and our love will make it real someday.«

Das neue Album der US-amerikanischen Rockikone kommt ungewöhnlich schnell nach dem 2007 veröffentlichten E-Street-Opus »Magic« – und das ist natürlich kein Zufall. Die US-Tour mit diesem Werk hat Springsteen den lyrischen Kommentar zur politischen Zeitenwende in die Feder diktiert, der nun, in der Woche des Amtsantritts von Barack Obama, am heutigen Freitag mit dem Album »Working On A Dream« (Columbia/Sony) erscheint.

In der Endphase der »Magic«-Produktion nahm die E Street Band ein Lied auf, das zum Nukleus des nächsten werden sollte: »What Love Can Do«. »Es war eine Art ‘Liebe in der Zeit von Bush’« schrieb der 59-jährige Musiker auf seiner Webseite. »Es war ein großartiger Track, aber es fühlte sich mehr wie das erste Lied eines neuen Albums an.« Produzent Brendan O’Brien habe vorgeschlagen, doch gleich ein neues Album anzufangen – was Springsteen erst einmal ablehnte. »Ich schreibe normalerweise nicht so schnell. Aber dann ging ich diese Nacht in mein Hotelzimmer in Atlanta und schrieb über die Woche mehrere Lieder – ‘This Life’, ‘My Lucky Day’, ‘Life Itself’, ‘Good Eye’ und ‘Tomorrow Never Knows’ – die zum Anfang unseres neuen Albums wurden.«

Man kann mit Springsteens Hinweis die zwölf Lieder plus Bonustrack »The Wrestler« als eine musikalische Variation von Gabriel Garcia Marquez’ Roman »Die Liebe in den Zeiten der Cholera« hören. Liebe ist das Leitmotiv – und die Chancen, die die Gesellschaft dem Einzelnen gibt, »unseren kleinen Anspruch auf Himmel« geltend zu machen.
»Our small claim upon heaven« – das sagte Springsteen am 2. November auf der »Vote for Change«-Kundgebung für Obama in Cleveland. 35 Jahre habe er über die USA und ihre Menschen geschrieben, sich gefragt: »Was bedeutet es, ein Amerikaner zu sein? Was sind unsere Pflichten, unsere Verantwortung, unsere angemessenen Erwartungen, wenn wir in einer freien Gesellschaft leben? Ich sah mich weniger als ein Anhänger irgendeiner bestimmten Partei, sondern als Anwalt einer Reihe von Ideen. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Gerechtigkeit, Amerika als ein positiver Einfluss in der Welt.«

Trotz des Schadens, den Bush in acht Jahren den Grundfreiheiten zugefügt habe, gälten die USA immer noch als ein Symbol der Hoffnung in der Welt, sagte Springsteen. »Für viele sind wir ein Haus der Träume geblieben. 1.000 George Bushs und 1.000 Dick Cheneys werden niemals dieses Haus einreißen können. Nur wir können das, und wir werden das nicht geschehen lassen. (...) Millionen Amerikaner, die einem Neuanfang entgegenfiebern, krempelt eure Ärmel hoch und kommt zur Auferstehung.«

»Come up for the rising« sang Springsteen auch am Sonntag bei dem von 300.000 Menschen besuchten Konzert zum Amtswechsel am Wa-shingtoner Lincoln Memorial. »The Rising« war Springsteens Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 – bei weitem nicht sein bestes Album, aber in der Raffinesse großartig, sich dem damaligen Druck zum simplen Patriotismus zu entziehen. Er stand damit an der Spitze einer Künstlerbewegung, die an das Vermächtnis des in amerikanischen Folksongs seit den Gründertagen besungenen Traums erinnerte. Neil Young reagierte zunächst im Sinne der »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns«-Mentalität der Bush-Regierung, schlug dann aber später im Songzyklus »Living With War« mit dem Sprach-Hammer zu, den Springsteen nur erwähnt: »Let’s Impeach The President.«

Auch andere Musiker schrieben Lieder gegen den Krieg: »Ich weiß, dass ich nicht allein bin« sang Michael Franti (»I Know I’m Not Alone«), und Bad-Religion-Mastermind Greg Graffin erinnerte in einem Akustik-Folk-Album daran, dass die USA von Rebellen gegründet worden seien. Kunst, auch in der Rock-musik, spielte im öffentlichen Bewusstsein eine wesentliche Rolle in dem von Bush ausgelösten Kampf um den amerikanischen Traum.

»Your Own Worst Enemy« – »Dein schlimmster Feind ist in die Stadt gekommen«, sang Springsteen noch auf »Magic«. Auf einer privaten, persönlichen Ebene, die letztlich nur die gesellschaftliche Realität widerspiegelte, in der sich im Protest ergraute Hippies wieder auf ihre Motorräder schwangen – die »Gipsy Bikers«. Sie sind am 20. Januar in einer neuen Zeit angekommen; Springsteen singt jetzt vom »Kingdom Of Days« und – »Surprise, Surprise« – »Tomorrow Never Knows.« Aber man kann, man muss daran arbeiten, am amerikanischen Traum vom Leben in einer gerechten Welt, in der es auch einen »Outlaw Pete« gibt; für das Recht auf einen »Lucky Day« und das kleine Stück Himmel, sich zu verlieben – etwa in die »Queen Of The Supermarket«.

Springsteen hat eine Art Manifest für die kleinen Leute veröffentlicht, nicht zufällig zum Amtsantritt eines neuen US-Präsidenten, der als erster Schwarzer in diesem Amt selbst ein Symbol des amerikanischen Traums geworden ist. Es ist ein wunderbares Rockalbum geworden, eins, das man auch in Jahren noch mit Genuss hören kann.

Uwe Käding

Freitag 23. Januar 2009