Crash weitet sich aus

»Rettungspakete« für Finanzsektor in den USA und
in Großbritannien weitgehend verpufft

In der vergangenen Woche schätzte das größte Finanzinstitut der Welt, Goldman Sachs, daß sich die im Zuge der Finanzkrise entstandenen Bankverluste weltweit inzwischen auf zwei Billionen (2.000 Milliarden) Dollar belaufen, doppelt soviel als bisher angenommen. Doch auch das ist nur eine Momentaufnahme.

Mit Rezession und zunehmender Arbeitslosigkeit wächst nicht nur das Volumen der faulen Hypothekenkredite, immer mehr Verbraucher können auch ihre Kreditkartenschulden und Autodarlehen nicht mehr zurückzahlen. Hinzu kommen die Verluste aus der steigenden Zahl von Konkursen kleiner und mittlerer Unternehmen.

Der US-Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini, einer der ersten Prognostiker des Finanzdesasters, erklärte am Wochenende, daß das unter dem Namen TARP bekannte Hilfspaket der US-Regierung in Höhe von 700 Milliarden zur Rettung der Finanzbranche längst nicht mehr ausreicht. »Um die Banken zu rekapitalisieren, brauchen wir zusätzlich eine Billion Dollar«, sagte Roubini im US-Nachrichtensender CNBC.

Die direkten Finanzspritzen, die Verstaatlichung der Giganten der US-Versicherungs- und Hypothekenwirtschaft, die riesigen Garantien und die massenhafte Übernahme fauler Finanzpapiere durch die US-Regierung hätten zwar »das Risiko des Zusammenbruchs des Systems« verkleinert, aber der Finanzsektor sei nach wie vor »insolvent«.

Wie zur Bestätigung von Roubinis Lageeinschätzung hatte der US-Kongreß in der vergangenen Woche 350 Milliarden Dollar, die zweite Hälfte des TARP-Rettungspakets, im Eilverfahren freigegeben. Der größte Teil davon wurde zur Stützung der beiden US-Finanzriesen Bank of America und Citigroup gebraucht, die erneut vom Kollaps bedroht sind, ebenso wie viele regionale US-Banken.

Daß das womöglich nicht ausreicht, zeigt das Beispiel Citigroup, die trotz der massiven staatlichen Unterstützung in Höhe von 45 Milliarden Dollar und Staatsbürgschaften für Schulden in Höhe von 301 Milliarden Dollar wegen zunehmender Verluste weiterhin mit der Insolvenz kämpft. Allein in den vergangenen fünf Quartalen hat sich das bilanzielle Minus auf 28,5 Milliarden addiert. Dem steht nur noch ein Eigenkapital von 28,9 Milliarden gegenüber.

Es könnte also äußerst eng für den Finanzkonzern werden. Das sieht auch Jamie Dimon, Chef des Finanzgiganten J.P.Morgan Chase, und warnt vor der »Illusion«, daß das Schlimmste vorbei sei.

Selbst US-Notenbankchef Ben Bernanke betonte in der vergangenen Woche bei einem Auftritt in London, daß schon bald »noch mehr staatliche Kapitalspritzen und Garantien notwendig werden«. Der Ort für seinen Kassandraruf war gut gewählt. Die britische Regierung mußte mittlerweile eingestehen, daß das erste, international hochgelobte Rettungspaket für Banken nahezu wirkungslos verpufft ist. Nun muß nachgebessert werden, um den erneut drohenden Kollaps des Systems zu verhindern.

Das neue britische Bankenpaket verlangt von den Finanzinstituten, daß sie ihre Risiken umfassend offenlegen. Fraglich ist jedoch, ob die Banken das ganze Volumen ihrer faulen und gefährdeten Kredite und Derivate überhaupt kennen. Schließlich ist erst ein Bruchteil der weltweit noch nicht eingelösten Zockerpapiere abgebaut worden.

668 Billionen Dollar

Die geschätzte Gesamtsumme der Finanztitel mit fehlender oder unklarer Deckung betrug im vergangenen Jahr die unvorstellbare Summe von 668 Billionen Dollar, fünfzehn mal soviel wie das Bruttoinlandsprodukt der gesamten Welt.

Finanzmarktexperten beruhigen, daß viele dieser Derivate sich sozusagen gegenseitig abdecken. So lange die Großbanken erhalten blieben, könnten sich Verluste neutralisieren, da die meisten Institute ihre »Wetten« durch »Gegenwetten« abgesichert haben.

Aber selbst wenn nur ein Prozent der Papiere komplett abgeschrieben werden müßte, entstünden immerhin satte 6,68 Billionen Dollar Verlust, was zum sofortigen Kollaps des weltweiten Finanzsystems führen würde. Und diese Gefahr ist äußerst real, denn der Bankrott von nur einer Großbank könnte das brüchige System der Absicherung zum Einsturz bringen, da ein Dominoeffekt unvermeidbar wäre.

Vor diesem Hintergrund ist auch zu verstehen, daß es mittlerweile als größter Fehler der Bush-Regierung gewertet wird, daß sie den Kollaps der viertgrößten US-Investmentbank Lehman Brothers nicht mit allen Mitteln verhindert hat. Denn obwohl Lehman Brothers nur relativ gering mit lediglich 750 Milliarden Dollar am Derivate-Zocken beteiligt war, hatte dieser Zusammenbruch fast zur Kernschmelze des weltweiten Finanzsystems geführt.

Trotz staatlicher Hilfen in Höhe von Hunderten Milliarden kämpfen heute nicht nur in den USA und in England, sondern auch im Rest Europas wieder zahlreiche Banken akut um ihr Überleben. In einer zweiten Runde werden neue staatliche Hilfspakete geschnürt. Aber der Finanzspielraum der Staaten ist begrenzt – am Ende sind vielleicht die Zockerbanken gerettet und dafür die Staaten pleite.

EU-Ländern droht Staatsbankrott

Die Mitglieder der Eurozone, einschließlich der Beitrittskandidaten, befinden sich derzeit in drei ineinander greifenden Krisen: der anhaltenden Finanzkrise, welche sich inzwischen zu einer Krise der realen Wirtschaft ausgewirkt hat und in einer Strukturkrise. In letzterer droht die unterschiedlich wachsende und zunehmend auseinanderklaffende Wettbewerbsfähigkeit der EU-Volkswirtschaften bei unveränderten Euro-Wechselkursen die EU zu sprengen.

Hauptschuldiger für diese Entwicklung ist die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer verheerenden Politik des Sozialdumpings und des Lohn-abbaus. Jetzt kracht es in allen Fugen des EU-Gebäudes und es gibt nur noch drei Lösungen, um den total verfahrenen Karren aus dem Dreck zu ziehen: Erstens Auflösung der EU, zweitens über einen langen Zeitraum signifikant höhere Löhne in Deutschland als in Resteuropa zahlen, was durch einen mit deutschen Steuergeldern finanzierten Stabilisierungsfonds für die verlierenden Volkswirtschaften ergänzt werden müßte, oder drittens – falls die deutsche Niedriglohnpolitik beibehalten wird – einen permanenten Transfer von deutschen Steuergeldern zur Stützung von Resteuropa.

Es ist jedoch nicht zu erwarten, daß sich die deutschen und EU-Politiker an dieses Problem heranwagen werden. Derweil wird die auf den EU-Mitgliedern lastende Strukturkrise durch die Schuldenkrise weiter verstärkt. Erst als der Internationale Währungsfonds IWF im Herbst begann, Rettungspakete für eine Reihe von ost- und südeuropäische EU-Mitgliedsländern zu schnüren, die vom Staatsbankrott bedroht waren, wurde das ganze Ausmaß der faulen Kredite deutlich, welche die Banken aus den »kern-europäischen« Länder an Osteuropa vergeben hatten und die diese nie werden zurückzahlen können.

Auf Pump hatte sich in den letzten zwei Jahrzehnten die neue Bourgeoisie in Osteuropa ein flottes Leben geleistet, mit dem sie den Reichen im Westen in nichts nachstehen wollte. Billige Kredite gab es genug und jeder verschuldete sich immer mehr. Bis die Blase platzte. Laut Bank für den internationalen Zahlungsausgleich (die Zentralbank der Zentralbanken) haben europäische Banken allein an die inzwischen ökonomisch maroden osteuropäischen Länder 1.500 Milliarden Dollar verliehen.

Österreichische Banken haben Kredite in Höhe von 80 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsproduktes gewährt und sind nun von dem drohenden Kollaps Ungarns und der Ukraine besonders betroffen. Am Ende muß wohl auch noch Österreich gerettet werden. Aber auch anderen EU-Mitgliedern droht inzwischen der Staatsbankrott. Die Rating-Agentur Standard & Poors hat jetzt die Kreditwürdigkeit von Griechenland auf den Status von Schrott gesenkt und Spanien und Irland auf die »Beobachtungsliste« gesetzt. Zugleich sind die Prämien, um italienische Staatsanleihen gegen einen Staatsbankrott zu versichern, in letzter Zeit um ein Vielfaches gestiegen.

Was passieren wird, wenn ein Euro-Land Pleite gehen sollte, darüber kann niemand Auskunft geben. Der Fall war ist in der Architektur der EU nicht vorgesehen. Eine europäische Schuldenunion wäre gesetzeswidrig. Dennoch vermutet die britische Tageszeitung »The Telegraph«, daß schon jetzt der Steuerzahler über Auszahlungen der Europäischen Zentralbank zur Stützung Irlands und Spaniens zur Kasse gebeten wird.

Rainer Rupp

Donnerstag 22. Januar 2009