Unser Leitartikel:
Negins frommer Wunsch

Anläßlich der feierlichen Vereidigung des neuen US-Präsidenten Barack Obama in Washington wurden am Dienstagabend die Gewinner des diesjährigen »U.S. Embassy‘s Student Essay Contest« geehrt, an dessen dritter Ausgabe sich 195 Schüler von 19 Luxemburger Sekundarschulen beteiligt hatten. Ihre Aufgabe war es, unter dem Titel »Dear American President-Elect« einen Brief an Obama zu schreiben, in dem sie über ihr Land, dessen Bewohner und Geschichte sowie über die Beziehungen ihres Landes zu den USA berichten sollten.

Die Goldmedaille überreichte Botschafterin
Ann L. Wagner einer Athenäumsschülerin, von der nur der Vorname Negin mitgeteilt wurde. Negin wurde in Luxemburg geboren, hat aber iranische Wurzeln. Ihre Eltern haben beide in den USA studiert, weshalb sie in ihrem Brief an Obama von der Liebe zu diesen drei Ländern sprach und die Wichtigkeit eines zivilisierten Dialogs betonte.

Da die Siegerehrung in der US-Botschaft stattfand, bevor man sich gemeinsam Obamas Amtseinführung im Fernsehen anschaute, ist nicht bekannt, was Negin von der Antrittsrede des 44. US-Präsidenten hält. Darin kam der Iran im Gegensatz zu Irak und Afghanistan nicht direkt vor. Doch erklärte Obama, die »reichste und mächtigste Nation der Welt« befinde sich nach wie vor »im Krieg gegen ein weit gespanntes Netz der Gewalt und des Hasses« und kündigte an, »mit alten Freunden und ehemaligen Feinden« würden die USA auch unter seiner Präsidentschaft »unermüdlich daran arbeiten, die atomare Gefahr zu verringern«.

Daß Obama dabei nicht an die »atomare Gefahr« dachte, die vom einzigen Staat ausgeht, der bisher Atombomben als Massenvernichtungswaffe gegen Menschen eingesetzt hat, dürfte auch Negin klar sein. Und wenn sie nur über ein wenig politisches Gespür verfügt, dürfte ihre Freude über die gewonnene Goldmedaille im Aufsatzschreiben beim Anblick von Obamas »Sicherheitsteam« schnell in Angst um ihre Verwandten im Iran umschlagen.

Immerhin gehören Obamas »Team für die nationale Sicherheit« nicht nur der von seinem Vorgänger George W. Bush übernommene Kriegsminister Robert Gates, der frühere NATO-Oberkommandierende James L. Jones (als Nationaler Sicherheitsberater) und mit der ehemaligen »First Lady« Hillary Clinton eine Außenministerin an, die sich noch im parteiinternen Nominierungswahlkampf als stramme Kriegspatriotin gegenüber dem angeblich zu laschen Obama profiliert hat. Eine gefährliche Zuspitzung des seit Jahren von Washington geschürten Konflikts um das angebliche iranische Atomwaffenprogramm könnte vor allem von Susan Rice ausgehen, die Obama als Botschafterin der USA bei der UNO in sein Kabinett aufnahm und von der er sagt, sie sei »seit langem« eine »enge und vertrauenswürdige Beraterin«.

Wie andere Berater Obamas arbeitete Rice bis in die jüngste Zeit mit neokonservativen Denkfabriken wie dem pro-israelischen »Washington Institute for Near East Policy« (WINEP) zusammen. Sie beteiligte sich auch an der aktuellen WINEP-Studie »Strengthening the Partnership – How to Deepen U.S.-Israel Cooperation on the Iranian Nuclear Challenge«, die zu einem koordinierten Vorgehen der USA und Israels gegen den Iran aufruft – einschließlich »einer präventiven Militäraktion«.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Donnerstag 22. Januar 2009